Freimaurerisches Engagement: "Kulinarische Inklusion" für Krebs-Betroffene: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 28. Oktober 2026, 17:18 Uhr
Hilfe für Dysphagie-Betroffene
Es sind viele Fachleute, Ärzte und Forschende an diesem Projekt von Bruder Jens Rusch beteiligt, die keine Freimaurer oder Freimaurerinnen sind. Der Initiator nutzt aber bereits seit Jahren auch gezielt Fachleute und Könner im Bruderbund. "Sowohl die Hilfsbereitschaft, als auch die Expertisen kenne ich ja bereits aus vielen Jahren der Zusammenarbeit, da wäre es wohl kaum nachvollziehbar, wenn ich dieses wertvolle Netzwerk nicht nutzen würde, um Krebsbetroffenen zu helfen". Auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Masonic Bikers unterstützen sein äußerst ambitioniertes Projekt. Die Website für diese Initiative erstellt Schwester Britta Wellmann, der Schirmherr ist Bruder Christian Mittermeier. Wichtige Texte steuerten die Brüder Jens-Peter Mickmann und Rolf Ohler bei und einer seiner wichtigsten Vertreter ist der Bruder Michael Thomas Holstein, der auch als Botschafter der Initiative in Berlin agiert. Seine wichtigste Hoffnung gibt er auch mit seinen 76 Jahren noch nicht auf: "Wenn jede der Logen in Deutschland nur ein einziges Mal die "Gaben der Liebe" nach einer Zusammenkunft für diesen Zweck einsammeln würde, hätten wir keine wirtschaftlichen Probleme mehr und könnten sehr vielen Dysphagie-Betroffenen helfen."
Der Umgang mit Dysphagie
zeigt, worum es in der Gastronomie eigentlich geht. Dysphagie nimmt Menschen die Selbstverständlichkeit des Essens. Was bleibt, ist oft Verzicht – und nicht selten Rückzug. Dabei ist Essen weit mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Gemeinschaft, Würde, ein Moment von Nähe und Leben. Wenn wir als Köche zulassen, dass Menschen davon ausgeschlossen werden, verlieren wir mehr als sie. Die Initiative von Jens Rusch trifft genau diesen Punkt. Sie fordert uns auf, hinzusehen, zu verstehen – und zu handeln. In meinem Verständnis von Handwerk und Verantwortung geht es nicht nur darum, was wir tun oder wie wir es tun, sondern warum wir es tun.
Respekt, Mitmenschlichkeit und die Bereitschaft, den anderen mitzudenken, sind keine Zugabe – sie sind Grundlage. Ich habe die Schirmherrschaft übernommen, weil ich überzeugt bin, dass wir als Gastgeber Räume schaffen müssen, in denen jeder Mensch seinen Platz hat. Ohne Ausnahme.
Vielleicht ist das am Ende der Maßstab: Nicht, wie perfekt etwas ist – sondern für wen es möglich gemacht wird.
Schirmherr Christian Mittermeier
Wenn Essen wieder Teilhabe bedeutet
von Bruder Rolf Ohler
Es gibt Themen, deren Bedeutung sich erst erschließt, wenn man beginnt, die Welt mit den Augen jener Menschen zu betrachten, für die etwas vermeintlich Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.
Essen und Trinken gehören zu den elementarsten Erfahrungen unseres Lebens. Sie bedeuten weit mehr als die Aufnahme von Nahrung. Wir verbinden damit Genuss und Erinnerung, Begegnung und Gemeinschaft, Gastfreundschaft und Lebensfreude. Wir feiern miteinander an gedeckten Tischen, führen Gespräche beim Essen, begegnen Freunden im Restaurant und erleben Kultur nicht zuletzt auch kulinarisch.
Was aber geschieht, wenn ein Mensch zwar am Tisch sitzen kann – aber nicht mehr selbstverständlich an dem teilnehmen kann, was dort geschieht? Für Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden, insbesondere mit Dysphagie, kann genau dies Wirklichkeit werden. Erkrankungen, Operationen und Therapien können dazu führen, dass Essen seine Selbstverständlichkeit verliert.
Aus Genuss kann Anstrengung werden, aus gemeinschaftlichem Erleben Unsicherheit und aus einem Restaurantbesuch schließlich eine kaum noch überwindbare Barriere. Damit berührt das Thema eine Dimension von Inklusion, die bislang viel zu selten wahrgenommen wird.
Kulinarische Inklusion bedeutet deshalb nicht lediglich, Speisen in veränderter Konsistenz anzubieten. Sie bedeutet, Menschen gesellschaftliche Teilhabe zurückzugeben.
Diese Erkenntnis ist untrennbar mit dem Engagement von Jens Rusch verbunden.
Jens Rusch begegnet diesem Thema nicht aus theoretischer Distanz. Seine eigene schwere Krebserkrankung und deren Folgen haben seinen Blick auf jene oftmals übersehenen Einschränkungen geschärft, mit denen Menschen auch lange nach einer medizinischen Behandlung leben müssen. Er hat diese Erfahrungen jedoch nicht ausschließlich als persönliches Schicksal verstanden.
Er hat daraus einen Auftrag entwickelt.
Als Künstler besitzt Jens Rusch eine besondere Fähigkeit, Dinge sichtbar zu machen, die andere übersehen. Seine Kreativität endet deshalb nicht an der Leinwand oder bei der Skulptur. Sie zeigt sich ebenso dort, wo gesellschaftliche Wirklichkeit verändert werden kann. Sein jahrzehntelanges künstlerisches Schaffen, sein Engagement für von Krebs betroffene Menschen, seine Mitwirkung in Patientennetzwerken und seine vielfältigen Initiativen verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Aus eigener Erfahrung Verantwortung für andere entstehen zu lassen.
Gerade darin liegt für mich die besondere Bedeutung seines Wirkens.
Jens Rusch versteht sich nicht als medizinischer Wissenschaftler und erhebt auch nicht den Anspruch, einer zu sein. Seine Stärke liegt an einer anderen Stelle: Er bringt die Perspektive des Betroffenen in den Dialog ein. Er stellt Fragen, verbindet Menschen miteinander und schafft Aufmerksamkeit für Probleme, die innerhalb hoch spezialisierter medizinischer Abläufe leicht aus dem Blick geraten können.
So entsteht eine notwendige Brücke zwischen Betroffenen, Medizin und Therapie, Pflege und Ernährungswissenschaft, Gastronomie und Hotellerie. Die Initiative „Kulinarische Inklusion“ führt diesen Gedanken konsequent weiter. Sie richtet den Blick nicht allein darauf, was ein Mensch essen kann, sondern darauf, wie er dabei Mensch unter Menschen bleiben kann. Denn ein sorgfältig püriertes Gericht mag ernährungsphysiologisch angemessen sein. Wird es jedoch lieblos und ohne erkennbare Form serviert, kann es dem Betroffenen zugleich vermitteln, dass für ihn Genuss, Ästhetik und gastronomische Wertschätzung nicht mehr vorgesehen seien. Genau hier beginnt der entscheidende Perspektivwechsel.
Auch konsistenzangepasste Nahrung kann appetitlich aussehen. Sie kann sorgfältig angerichtet, geschmacklich anspruchsvoll und ästhetisch gestaltet werden. Vor allem aber kann sie so selbstverständlich angeboten werden, dass der betroffene Gast nicht zum Sonderfall gemacht wird. Inklusion ist dort gelungen, wo sie möglichst wenig erklärt werden muss. Darin liegt zugleich eine große Chance für Gastronomie und Hotellerie.
Barrierefreiheit darf im 21. Jahrhundert nicht ausschließlich über Rampen, Aufzüge, breite Türen oder barrierefreie Sanitärräume definiert werden. Der Gedanke der Zugänglichkeit muss bis an den gedeckten Tisch reichen. Ein Restaurant, das Menschen mit Kau- oder Schluckbeeinträchtigungen willkommen heißt, erweitert deshalb nicht einfach seine Speisekarte. Es erweitert seine Vorstellung von Gastfreundschaft. Dieses Vorwort möchte dazu beitragen. Das Vorwort will sensibilisieren, informieren und vor allem Verbindungen schaffen. Es ersetzt weder medizinische Diagnostik noch therapeutische oder ernährungswissenschaftliche Fachkompetenz. Das Vorwort möchte vielmehr unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und einen Impuls dafür geben, dass aus medizinischer Erkenntnis, praktischer Erfahrung, gastronomischer Kreativität und menschlicher Empathie etwas Neues entstehen kann.
Dabei verdient das Engagement von Jens Rusch besondere Würdigung.
Nicht, weil ein einzelner Mensch ein derart komplexes Thema allein lösen könnte. Sondern weil gesellschaftliche Veränderungen häufig damit beginnen, dass ein Mensch eine bislang wenig wahrgenommene Frage stellt – und andere dafür gewinnt, gemeinsam nach Antworten zu suchen.
Jens Rusch hat eine solche Frage gestellt. Wie können Menschen, denen Krankheit oder Therapie einen Teil ihrer selbstverständlichen Essfähigkeit genommen haben, dennoch Genuss, Würde und Gemeinschaft am gedeckten Tisch erleben? Die Antwort darauf können Medizin, Therapie, Gastronomie oder Betroffene nicht jeweils für sich allein geben.
Vielleicht liegt gerade darin die stärkste Botschaft der Kulinarischen Inklusion: Es geht letztlich nicht um pürierte Kost. Es geht nicht einmal ausschließlich um Dysphagie. Es geht um etwas sehr viel Grundsätzlicheres:
Es geht um die Würde des Menschen in einem Bereich des Lebens, in dem Würde, Gemeinschaft und Lebensfreude täglich miteinander geteilt werden – am gedeckten Tisch. Wenn dieses Vorwort dazu beiträgt, hierfür Aufmerksamkeit zu schaffen, Verantwortliche miteinander ins Gespräch zu bringen und aus ersten Beispielen eines Tages gastronomische Selbstverständlichkeit werden zu lassen, dann hat sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Denn wirkliche Inklusion beginnt nicht damit, dass wir Menschen erklären, warum etwas für sie nicht möglich ist. Sie beginnt dort, wo wir gemeinsam überlegen, wie wir es möglich machen können.
Hannover August 2026
