Freimaurerisches Engagement: "Kulinarische Inklusion" für Krebs-Betroffene

Aus Freimaurer-Wiki
Dossier "Kulinarische Inklusion"
Dossier "Kulinarische Inklusion", 80 Seiten, illustriert. Wird kostenlos zur Verfügung gestellt. Umfassende Informationen..
Christian Mittermeier
Masonic Bikers übergeben einen Scheck über 15 000.- Euro
Masonic Bikers übergeben einen Scheck über 15 000.- Euro
Jährliche Spenden erhält die Initiative durch die Roland-Stiftung HH
Jährliche Spenden erhält die Initiative durch die Roland-Stiftung HH
Bruder Michael Thomas Holstein (links) ist Botschafter des Netzwerkes in Berlin
Bruder Michael Thomas Holstein (links) ist Botschafter des Netzwerkes in Berlin. Jan Schiller ist kein Freimaurer, aber der Geschäftsführer der bedeutendsten Krebsmesse in Deutschland, der YES!Con
KI-generierte Grafik: Jens Rusch mit seinem ganz persönlichen Krebs-Koffer
KI-generierte Grafik: Jens Rusch mit seinem ganz persönlichen Krebs-Koffer

Hilfe für Dysphagie-Betroffene

Es sind viele Fachleute, Ärzte und Forschende an diesem Projekt von Bruder Jens Rusch beteiligt, die keine Freimaurer oder Freimaurerinnen sind. Der Initiator nutzt aber bereits seit Jahren auch gezielt Fachleute und Könner im Bruderbund. "Sowohl die Hilfsbereitschaft, als auch die Expertisen kenne ich ja bereits aus vielen Jahren der Zusammenarbeit, da wäre es wohl kaum nachvollziehbar, wenn ich dieses wertvolle Netzwerk nicht nutzen würde, um Krebsbetroffenen zu helfen". Auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Masonic Bikers unterstützen sein äußerst ambitioniertes Projekt. Die Website für diese Initiative erstellt Schwester Britta Wellmann, der Schirmherr ist Bruder Christian Mittermeier. Wichtige Texte steuerten die Brüder Jens-Peter Mickmann und Rolf Ohler bei und einer seiner wichtigsten Vertreter ist der Bruder Michael Thomas Holstein, der auch als Botschafter der Initiative in Berlin agiert. Seine wichtigste Hoffnung gibt er auch mit seinen 76 Jahren noch nicht auf: "Wenn jede der Logen in Deutschland nur ein einziges Mal die "Gaben der Liebe" nach einer Zusammenkunft für diesen Zweck einsammeln würde, hätten wir keine wirtschaftlichen Probleme mehr und könnten sehr vielen Dysphagie-Betroffenen helfen."

Der Umgang mit Dysphagie

zeigt, worum es in der Gastronomie eigentlich geht. Dysphagie nimmt Menschen die Selbstverständlichkeit des Essens. Was bleibt, ist oft Verzicht – und nicht selten Rückzug. Dabei ist Essen weit mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Gemeinschaft, Würde, ein Moment von Nähe und Leben. Wenn wir als Köche zulassen, dass Menschen davon ausgeschlossen werden, verlieren wir mehr als sie. Die Initiative von Jens Rusch trifft genau diesen Punkt. Sie fordert uns auf, hinzusehen, zu verstehen – und zu handeln. In meinem Verständnis von Handwerk und Verantwortung geht es nicht nur darum, was wir tun oder wie wir es tun, sondern warum wir es tun.

Respekt, Mitmenschlichkeit und die Bereitschaft, den anderen mitzudenken, sind keine Zugabe – sie sind Grundlage. Ich habe die Schirmherrschaft übernommen, weil ich überzeugt bin, dass wir als Gastgeber Räume schaffen müssen, in denen jeder Mensch seinen Platz hat. Ohne Ausnahme.

Vielleicht ist das am Ende der Maßstab: Nicht, wie perfekt etwas ist – sondern für wen es möglich gemacht wird.

Schirmherr Christian Mittermeier

Wenn Essen wieder Teilhabe bedeutet

von Bruder Rolf Ohler

Es gibt Themen, deren Bedeutung sich erst erschließt, wenn man beginnt, die Welt mit den Augen jener Menschen zu betrachten, für die etwas vermeintlich Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.

Essen und Trinken gehören zu den elementarsten Erfahrungen unseres Lebens. Sie bedeuten weit mehr als die Aufnahme von Nahrung. Wir verbinden damit Genuss und Erinnerung, Begegnung und Gemeinschaft, Gastfreundschaft und Lebensfreude. Wir feiern miteinander an gedeckten Tischen, führen Gespräche beim Essen, begegnen Freunden im Restaurant und erleben Kultur nicht zuletzt auch kulinarisch.

Was aber geschieht, wenn ein Mensch zwar am Tisch sitzen kann – aber nicht mehr selbstverständlich an dem teilnehmen kann, was dort geschieht? Für Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden, insbesondere mit Dysphagie, kann genau dies Wirklichkeit werden. Erkrankungen, Operationen und Therapien können dazu führen, dass Essen seine Selbstverständlichkeit verliert.

Aus Genuss kann Anstrengung werden, aus gemeinschaftlichem Erleben Unsicherheit und aus einem Restaurantbesuch schließlich eine kaum noch überwindbare Barriere. Damit berührt das Thema eine Dimension von Inklusion, die bislang viel zu selten wahrgenommen wird.

Kulinarische Inklusion bedeutet deshalb nicht lediglich, Speisen in veränderter Konsistenz anzubieten. Sie bedeutet, Menschen gesellschaftliche Teilhabe zurückzugeben.

Diese Erkenntnis ist untrennbar mit dem Engagement von Jens Rusch verbunden.

Jens Rusch begegnet diesem Thema nicht aus theoretischer Distanz. Seine eigene schwere Krebserkrankung und deren Folgen haben seinen Blick auf jene oftmals übersehenen Einschränkungen geschärft, mit denen Menschen auch lange nach einer medizinischen Behandlung leben müssen. Er hat diese Erfahrungen jedoch nicht ausschließlich als persönliches Schicksal verstanden.

Er hat daraus einen Auftrag entwickelt.

Als Künstler besitzt Jens Rusch eine besondere Fähigkeit, Dinge sichtbar zu machen, die andere übersehen. Seine Kreativität endet deshalb nicht an der Leinwand oder bei der Skulptur. Sie zeigt sich ebenso dort, wo gesellschaftliche Wirklichkeit verändert werden kann. Sein jahrzehntelanges künstlerisches Schaffen, sein Engagement für von Krebs betroffene Menschen, seine Mitwirkung in Patientennetzwerken und seine vielfältigen Initiativen verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Aus eigener Erfahrung Verantwortung für andere entstehen zu lassen.

Gerade darin liegt für mich die besondere Bedeutung seines Wirkens.

Jens Rusch versteht sich nicht als medizinischer Wissenschaftler und erhebt auch nicht den Anspruch, einer zu sein. Seine Stärke liegt an einer anderen Stelle: Er bringt die Perspektive des Betroffenen in den Dialog ein. Er stellt Fragen, verbindet Menschen miteinander und schafft Aufmerksamkeit für Probleme, die innerhalb hoch spezialisierter medizinischer Abläufe leicht aus dem Blick geraten können.

So entsteht eine notwendige Brücke zwischen Betroffenen, Medizin und Therapie, Pflege und Ernährungswissenschaft, Gastronomie und Hotellerie. Die Initiative „Kulinarische Inklusion“ führt diesen Gedanken konsequent weiter. Sie richtet den Blick nicht allein darauf, was ein Mensch essen kann, sondern darauf, wie er dabei Mensch unter Menschen bleiben kann. Denn ein sorgfältig püriertes Gericht mag ernährungsphysiologisch angemessen sein. Wird es jedoch lieblos und ohne erkennbare Form serviert, kann es dem Betroffenen zugleich vermitteln, dass für ihn Genuss, Ästhetik und gastronomische Wertschätzung nicht mehr vorgesehen seien. Genau hier beginnt der entscheidende Perspektivwechsel.

Auch konsistenzangepasste Nahrung kann appetitlich aussehen. Sie kann sorgfältig angerichtet, geschmacklich anspruchsvoll und ästhetisch gestaltet werden. Vor allem aber kann sie so selbstverständlich angeboten werden, dass der betroffene Gast nicht zum Sonderfall gemacht wird. Inklusion ist dort gelungen, wo sie möglichst wenig erklärt werden muss. Darin liegt zugleich eine große Chance für Gastronomie und Hotellerie.

Barrierefreiheit darf im 21. Jahrhundert nicht ausschließlich über Rampen, Aufzüge, breite Türen oder barrierefreie Sanitärräume definiert werden. Der Gedanke der Zugänglichkeit muss bis an den gedeckten Tisch reichen. Ein Restaurant, das Menschen mit Kau- oder Schluckbeeinträchtigungen willkommen heißt, erweitert deshalb nicht einfach seine Speisekarte. Es erweitert seine Vorstellung von Gastfreundschaft. Dieses Vorwort möchte dazu beitragen. Das Vorwort will sensibilisieren, informieren und vor allem Verbindungen schaffen. Es ersetzt weder medizinische Diagnostik noch therapeutische oder ernährungswissenschaftliche Fachkompetenz. Das Vorwort möchte vielmehr unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und einen Impuls dafür geben, dass aus medizinischer Erkenntnis, praktischer Erfahrung, gastronomischer Kreativität und menschlicher Empathie etwas Neues entstehen kann.

Dabei verdient das Engagement von Jens Rusch besondere Würdigung.

Nicht, weil ein einzelner Mensch ein derart komplexes Thema allein lösen könnte. Sondern weil gesellschaftliche Veränderungen häufig damit beginnen, dass ein Mensch eine bislang wenig wahrgenommene Frage stellt – und andere dafür gewinnt, gemeinsam nach Antworten zu suchen.

Jens Rusch hat eine solche Frage gestellt. Wie können Menschen, denen Krankheit oder Therapie einen Teil ihrer selbstverständlichen Essfähigkeit genommen haben, dennoch Genuss, Würde und Gemeinschaft am gedeckten Tisch erleben? Die Antwort darauf können Medizin, Therapie, Gastronomie oder Betroffene nicht jeweils für sich allein geben.

Vielleicht liegt gerade darin die stärkste Botschaft der Kulinarischen Inklusion: Es geht letztlich nicht um pürierte Kost. Es geht nicht einmal ausschließlich um Dysphagie. Es geht um etwas sehr viel Grundsätzlicheres:

Es geht um die Würde des Menschen in einem Bereich des Lebens, in dem Würde, Gemeinschaft und Lebensfreude täglich miteinander geteilt werden – am gedeckten Tisch. Wenn dieses Vorwort dazu beiträgt, hierfür Aufmerksamkeit zu schaffen, Verantwortliche miteinander ins Gespräch zu bringen und aus ersten Beispielen eines Tages gastronomische Selbstverständlichkeit werden zu lassen, dann hat sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Denn wirkliche Inklusion beginnt nicht damit, dass wir Menschen erklären, warum etwas für sie nicht möglich ist. Sie beginnt dort, wo wir gemeinsam überlegen, wie wir es möglich machen können.

Hannover August 2026



Wenn der Patient zum Störfaktor wird

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von Br Jens-Peter Mickmann

Es gibt einen Satz, den wohl kaum ein Krankenhaus, eine Krankenkasse und schon gar kein Gesundheitsministerium öffentlich aussprechen würde: Der kranke Mensch stört.

Selbstverständlich nicht immer. Ein Patient, dessen Erkrankung sich diagnostisch eindeutig einordnen, nach standardisierten Abläufen behandeln und innerhalb eines kalkulierbaren Zeitraums abrechnen lässt, passt durchaus in die Strukturen unseres Gesundheitswesens. Besonders gut passen planbare Eingriffe, für die Routinen, Behandlungspfade, Personalbedarf und Kosten weitgehend vorhersehbar sind.

Schwieriger wird es mit alten Menschen, mit chronisch Kranken, mit Patienten nach schweren Erkrankungen, mit Menschen, die nach einer Krebstherapie zwar medizinisch als erfolgreich behandelt gelten, aber Jahre später unter körperlichen und seelischen Folgen leiden, mit Patienten, deren Genesung Zeit braucht, und mit Menschen, die nicht nur eine Intervention benötigen, sondern Pflege, Zuwendung, Beobachtung, Gespräche und kontinuierliche medizinische Begleitung.

Denn sie alle brauchen etwas, das in einem auf Effizienz, Auslastung und Wirtschaftlichkeit getrimmten System besonders knapp geworden ist: Zeit.

Vom kranken Menschen zum „Fall“

Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten, und niemand kann ernsthaft verlangen, dass Ressourcen unbegrenzt zur Verfügung stehen oder Kosten bei medizinischen Entscheidungen überhaupt keine Rolle spielen. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus einem notwendigen Wirtschaftlichkeitsgebot eine Logik entsteht, die zunehmend bestimmt, welche Form von Krankheit organisatorisch erwünscht ist und welche zum Problem wird.

Dann verändert sich unmerklich auch die Rolle des Patienten. Aus dem kranken Menschen wird ein „Fall“, aus seiner Erkrankung ein Behandlungs-pfad, aus der notwendigen Genesungszeit eine Verweildauer, aus Pflege wird Personalaufwand und aus einem Gespräch eine Ressource, für die im eng getakteten Arbeitsalltag häufig kaum noch Zeit vorhanden ist.

Doch Krankheit folgt keiner betriebswirtschaftlichen Kalkulation. Ein Körper weiß nicht, welche Verweildauer vorgesehen ist. Eine schwere Erschöpfung hält sich an keinen Dienstplan. Schmerzen kennen keine Fall-pauschale. Und die Angst eines Menschen, dessen Krebs möglicherweise zurückkehren könnte, verschwindet nicht mit dem Abschluss-bericht einer Klinik.

Was sich nicht standardisieren lässt, wird zum Problem.

Ein neues Hüft- oder Kniegelenk ist medizinisch keineswegs banal. Auch solche Eingriffe können mit Komplikationen, Ängsten und langen Genesungsphasen verbunden sein. Es wäre deshalb falsch, unterschiedliche Patientengruppen gegeneinander auszuspielen.

Doch planbare und häufig durchgeführte Eingriffe lassen sich organisatorisch wesentlich leichter standardisieren als komplexe Krankheitsverläufe. Genau hier entsteht ein grundlegender Konflikt.

Der Patient mit einer klar definierten Diagnose und einer etablierten Behandlung passt in einen Prozess. Der multimorbide, chronisch kranke oder von Spätfolgen betroffene Mensch häufig nicht. Er braucht möglicherweise mehrere Fachrichtungen gleichzeitig, jemanden, der zuhört, jemanden, der Zusammenhänge herstellt, und vielleicht gar keine spektakuläre medizinische Intervention, sondern eine langfristige Begleitung.

Und genau diese Medizin ist personalintensiv.

Pflege ist personalintensiv. Zuwendung ist personalintensiv. Gespräche sind personalintensiv. Zeit ist personalintensiv. Wenn gleichzeitig Ärzte fehlen, Pflegekräfte fehlen und Kliniken unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen, geraten gerade jene Leistungen unter Druck, die sich nicht beliebig beschleunigen lassen.

Der Mangel bekommt ein Gesicht.

Der Patient erlebt diese Konsequenz nicht als gesundheitsökonomische Theorie. Er erlebt sie als Wartezeit. Als verschobenen Termin. Als überfüllte Ambulanz. Als Gespräch, das nach wenigen Minuten beendet werden muss. Als Weiterverweisung von einer Stelle zur nächsten.

Und manchmal als erschütternde Erkenntnis, dass eine medizinisch durchaus sinnvolle Betreuung praktisch nicht verfügbar ist.

Wenn Patienten sich für ihre Krankheit entschuldigen

Vielleicht ist dies eine der bedrückendsten Folgen dieser Entwicklung: Patienten beginnen, sich selbst als Belastung wahrzunehmen.

Sie merken, dass Ärzte unter Zeitdruck stehen. Sie sehen die Belastung des Pflegepersonals. Sie erleben volle Wartezimmer und überlastete Stationen. Und viele ziehen daraus den fatalen Schluss:

Ich darf nicht auch noch Umstände machen.

Dann werden Beschwerden heruntergespielt, Fragen nicht gestellt, Schmerzen relativiert und Ängste verschwiegen. Der Patient möchte kein „schwieriger Patient“ sein.

Doch ist ein Mensch wirklich schwierig, weil seine Krankheit kompliziert ist? Weil er nach einer schweren Diagnose Angst hat? Weil er wissen möchte, ob ein neues Symptom harmlos ist oder auf die Rückkehr seiner Erkrankung hindeuten könnte?

Oder ist vielmehr ein System überfordert, wenn bereits solche elementaren Bedürfnisse als Störung seines Betriebsablaufs erscheinen?

Ein Gesundheitswesen hat nicht die Aufgabe, ausschließlich unkomplizierte Patienten möglichst effizient durch seine Einrichtungen zu schleusen.

Es existiert gerade wegen der komplizierten Fälle.

Krebs endet nicht mit dem letzten Behandlungstag

Besonders deutlich wird dieses Problem bei Menschen nach einer Krebserkrankung.

Die Medizin kann einen Tumor entfernen, bestrahlen oder medikamentös behandeln. Sie kann Blutwerte kontrollieren und bildgebende Verfahren einsetzen. Sie kann irgendwann feststellen, dass derzeit kein Tumor nachweisbar ist.

Doch für den Patienten ist damit nicht zwangsläufig alles beendet. Körperliche Spätfolgen, Erschöpfung, Schmerzen, Einschränkungen der Belastbarkeit, neurologische Beschwerden sowie Folgen von Operationen, Bestrahlung oder medikamentösen Therapien können bleiben.

Und darüber hinaus bleibt etwas, das sich auf keinem Röntgenbild darstellen lässt: Die Möglichkeit des Rückfalls.

Ein Mensch, der einmal erfahren hat, dass sein eigener Körper eine lebensbedrohliche Erkrankung entwickeln kann, kehrt nicht einfach in die frühere Unbefangenheit zurück. Ein Schmerz, der früher bedeutungslos gewesen wäre, kann plötzlich Angst auslösen. Eine ungewöhnliche Müdigkeit bekommt eine andere Bedeutung. Ein Kontrolltermin kann bereits Wochen vorher Unruhe erzeugen.

Diese Angst muss keineswegs krankhaft sein. Sie ist zunächst eine nachvollziehbare Reaktion auf eine tatsächlich erlebte Bedrohung.

Problematisch wird es, wenn ein Mensch mit dieser Belastung weitgehend allein bleibt.

Wenn zur ersten Krankheit eine zweite droht

Hier entsteht eine weitere Gefahr, über die noch immer zu wenig gesprochen wird. Menschen mit schweren oder chronischen Erkrankungen müssen nicht nur ihre körperlichen Beschwerden bewältigen. Sie müssen zugleich lernen, mit Unsicherheit, Verlusten und möglicherweise dauerhaften Einschränkungen zu leben.

Wenn sie dabei erleben, dass medizinische Ansprechpartner kaum erreichbar sind, Termine erst nach langen Wartezeiten angeboten werden oder für ausführliche Gespräche praktisch keine Zeit vorhanden ist, entsteht eine bedeutende zusätzliche Belastung.

Aus Sorge kann Angst werden. Aus Angst kann Rückzug entstehen. Aus Rückzug können Einsamkeit und depressive Entwicklungen erwachsen.

Es wäre medizinisch unseriös zu behaupten, ein patientenfernes Gesundheitssystem verursache zwangsläufig Depressionen. Depressionen haben vielfältige biologische, psychologische und soziale Ursachen.

Aber ebenso unseriös wäre es, die Bedingungen zu ignorieren, unter denen psychische Belastungen verstärkt werden können.

Wer gleichzeitig Schmerzen, körperliche Einschränkungen, Zukunftsangst und das Gefühl medizinischer Ausweglosigkeit bewältigen muss, trägt eine enorme Last. Kommt dann noch der Eindruck hinzu, lästig zu sein, kann aus einem Versorgungs-problem ein menschliches Problem von großer Tragweite werden.

Angehörige – die unsichtbaren Mitpatienten

Dabei bleibt die Krankheit niemals ausschließlich beim Erkrankten.

Partnerinnen und Partner, Kinder, Eltern und Freunde übernehmen Aufgaben, die früher teilweise stärker von professionellen Strukturen aufgefangen wurden. Sie fahren zu Untersuchungen, telefonieren Praxen ab, suchen Fachärzte, kämpfen um Termine, ordnen Befunde, beobachten Symptome, übernehmen Pflege und versuchen nicht selten gleichzeitig, die psychische Stabilität des Erkrankten aufrechtzuerhalten.

Währenddessen tragen sie ihre eigene Angst. Auch sie wissen nicht, was der nächste Befund bringen wird. Auch sie erleben Hilflosigkeit. Auch sie können erschöpfen. Der viel beschworene Grundsatz „ambulant vor stationär“ kann deshalb eine problematische Kehrseite bekommen, wenn ambulante Versorgung nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist. Verantwortung wird dann nicht aufgehoben, sondern in die Familie verlagert – in einen Bereich, dessen Belastbarkeit politisch allzu häufig einfach vorausgesetzt wird.

Wer nicht wieder „funktioniert“, gerät an den Rand

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Dimension.

Unsere Gesellschaft bewundert Menschen, die Krankheit „besiegen“. Das Bild von Diagnose, Kampf, Therapie, Genesung und Rückkehr ins Leben ist attraktiv.

Doch viele Krankheitsgeschichten verlaufen anders. Es gibt Menschen, die nach einer Therapie nicht mehr dieselben sind wie zuvor. Sie können weniger arbeiten, sind schneller erschöpft, ihre Leistungsfähigkeit schwankt oder sie müssen Termine absagen, weil ihr Körper an diesem Tag nicht mitmacht.

Das ist schwer vereinbar mit einer Gesellschaft, in der Leistungsfähigkeit einen hohen Stellenwert besitzt.

So kann aus medizinischer Einschränkung gesellschaftliche Isolation entstehen. Der Betroffene verliert vielleicht zunächst seine Gesundheit, anschließend einen Teil seiner beruflichen Rolle und schließlich soziale Kontakte.

Nicht unbedingt, weil seine Mitmenschen herzlos wären, sondern weil lang andauernde Krankheit für alle Beteiligten schwierig ist.

Nach einigen Monaten wird seltener gefragt. Nach einigen Jahren noch seltener.

Der Erkrankte aber lebt weiterhin mit den Folgen.

Nicht die Ärzte sind der Gegner

Es wäre einfach, an dieser Stelle Ärzte anzuklagen. Häufig wäre es aber ungerecht.

Die meisten Ärztinnen und Ärzte haben ihren Beruf nicht gewählt, um Fallzahlen zu optimieren oder Dokumentationssysteme zu bedienen. Sie haben Medizin studiert, weil sie Krankheiten verstehen, behandeln und Menschen helfen wollten.

Sie sind in einen Beruf eingetreten, dessen Kern eigentlich eine außergewöhnliche Verbindung aus naturwissenschaftlicher Kompetenz und menschlicher Verantwortung darstellt. Auch wenn der historische hippokratische Eid heute nicht überall in seiner antiken Form abgelegt wird, lebt sein Grundgedanke in modernen ärztlichen Berufsethiken fort: Der kranke Mensch steht im Zentrum ärztlichen Handelns.

Deshalb muss die entscheidende Frage lauten: Was geschieht mit einem Gesundheitssystem, wenn selbst hoch motivierte Ärzte und Pflegekräfte immer weniger Gelegenheit bekommen, diesem Anspruch gerecht zu werden?

Wenn ein Arzt weiß, dass ein Gespräch notwendig wäre, aber das Wartezimmer voll ist ? Wenn eine Pflegekraft weiß, dass ein Patient Zuwendung braucht, während gleichzeitig mehrere andere Patienten klingeln? Wenn medizinisches Personal zunehmend damit beschäftigt ist, Mangel zu verwalten?

Dann liegt das Problem nicht zuerst beim einzelnen Menschen. Es liegt in den Bedingungen, unter denen dieser Mensch arbeiten muss.

Wenn Ökonomie die Medizin regiert

Kein Gesundheitssystem kommt ohne ökonomische Regeln aus. Personal, Medikamente, Gebäude, Forschung und Medizintechnik müssen finanziert werden. Ressourcen sind begrenzt und Entscheidungen über ihre Verwendung unvermeidbar.

Aber daraus folgt nicht, dass die ökonomische Logik zur obersten Logik der Medizin werden darf. Wirtschaftlichkeit muss eine Bedingung guter Medizin sein – sie darf nicht definieren, was gute Medizin ist.

Der Zweck eines Krankenhauses ist nicht die Produktion möglichst effizienter Behandlungsfälle.

Der Zweck eines Krankenhauses ist die Behandlung kranker Menschen.

Medizinischer Fortschritt schafft neue Verantwortung Die moderne Medizin kann heute Dinge, die noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar waren. Menschen überleben Krebserkrankungen, die früher einem Todesurteil gleichkamen. Hochkomplexe Operationen gehören zum klinischen Alltag. Bildgebung, Molekulardiagnostik und personalisierte Therapien entwickeln sich in beeindruckendem Tempo.

Doch ausgerechnet dieser medizinische Fortschritt erzeugt eine neue Verantwortung.

Wenn immer mehr Menschen schwere Erkrankungen überleben, gibt es auch immer mehr Menschen, die mit deren Spätfolgen leben.

Sie benötigen nicht nur Akutmedizin, sondern Nachsorge, Rehabilitation, psychoonkologische und psychotherapeutische Unterstützung, Schmerz­­medizin, hausärztliche und fachärztliche Kontinuität, Pflege – und manchmal schlicht jemanden, der Zeit hat, ihnen zuzuhören.

Ein Gesundheitssystem darf seinen Erfolg deshalb nicht nur daran messen, wie viele Menschen eine Krankheit überleben. Es muss sich auch daran messen lassen, wie diese Menschen anschließend weiterleben können.

Die schwierigsten Patienten sind der eigentliche Prüfstein. Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Maßstab. Ein funktionierendes Gesundheitssystem erkennt man nicht daran, wie reibungslos es mit den einfachen Fällen fertig wird.

Seine eigentliche Qualität zeigt sich dort, wo Menschen kompliziert krank sind. Wo Diagnosen unklar bleiben. Wo Heilung nicht mehr möglich ist.

Wo Genesung lange dauert. Wo Pflege wichtiger wird als Intervention. Wo ein Patient wieder und wieder Fragen stellt, weil er Angst hat. Wo ein alter Mensch mehr Zeit benötigt. Wo Angehörige nicht mehr weiterwissen.

Und wo Medizin manchmal nichts Spektakuläres mehr tun kann, außer Beschwerden zu lindern, Sicherheit zu geben und einen Menschen nicht allein zu lassen.

Der Mensch ist kein Störfaktor

Gerade dort darf der Patient niemals das Gefühl bekommen, er störe. Denn wenn ein Gesundheitssystem den Menschen, der besonders viel Hilfe benötigt, als Belastung seines Betriebs empfindet, müssen wir nicht zuerst über diesen Patienten sprechen. Dann müssen wir über das System sprechen.

Und vielleicht sollten wir uns wieder an eine sehr einfache Wahrheit erinnern:

Der Mensch ist nicht für das Gesundheitswesen da. Das Gesundheitswesen ist für den Menschen da.

Jens-Peter Mickmann August 2026