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„Gedanken von der Verschwiegenheit“

Eine Berliner Logenrede 1776

Bearbeitet von Roland Müller

Aus:
Gesammlete Freymäurer-Reden, von einem Mitgliede der Mutterloge zu Berlin. Berlin. 1777, 41-52

August Wolfstieg gibt in seiner „Bibliographie der freimaurerischen Literatur“, Bd. 1, 1911, Nr. 1006 an, ein Katalog der Loge in Stendal gebe als Verfasser an: Johann Wilhelm Bernhard von Hymmen


Gedanken von der Verschwiegenheit,

verlesen
zu Berlin am Johannis-Fest 1776

Die Verschwiegenheit, meine Brüder, ist eine der edelsten und nützlichsten Pflichten, die uns die Sittenlehre vorschreibt. Sie ist das Archiv der Wahrheit. Sie unterhält die Bündnisse der Freundschaft. Sie unterstützt das Gleichgewicht der Staaten. Sie ist die Gefährtinn unsrer eignen Sicherheit, und das Brustschild, welches uns vor den Anfällen der spähenden Neubegierde, der forschenden Bosheit und der Verstellungskunst: decket.
Von der Weisheit erzeuget und geleitet, macht sie uns auf unsre Reden und Handlungen aufmerksam; und durch diese Aufmerksamkeit werden wir fähig, auf dem gefährlichen Schauplatze dieser Welt stille und denkende Zuschauer zu seyn. Die Moralisten pflegen die Verschwiegenheit zu der Klasse derjenigen Pflichten zu rechnen, die man dem Nächstеп schuldig ist. Ich lasse dieses im engern Sinn gelten.

Ich behaupte aber auch, daß sie eine vorzügliche Pflicht gegen uns selbst sey. Nach einem bestimmten Begriffe kann man siе eine Fähigkeit nennen, das Wahre weißlich zu verhehlen. Ich will zuförderst diesen Begriff zu rechtfertigen suchen. Eine Fähigkeit setzt öftere Uebungen voraus, und dadurch muß man sich diese Tugend erwerben. Eine Geburtsgabe ist sie nicht: zu den Naturtrieben gehört sie auch nicht, vielmehr ist ihr der innre Hang zu der Geselligkeit hinderlich. Schweigen kostet unstreitig mehr Ueberwindung als Sprechen. Zum letztem hat uns die Natur gebildet, und die Erziehung wirksam gemacht.
Ferner hat der Begriff der Verschwiegenheit das Wahre zum Gegenstand. Es ist zwar oft möglich, daß auch Unwahrheiten derselben anvertrauet werden. Dieser Kunstgriffe bedient sich mehrentheils die Staatskunst, um dadurch ein Geheimniß zu entwickeln, oder ein verborgenes Kabinetsräthsel aufzulösen.

Allein dieses ändert meine gegebene Erklärung nicht. Denn es kömmt allemal darauf an: Ob ich dasjenige, was ich zu verschweigen verpflichtet bin, für wahr halte, es mag nun wirklich oder nur scheinbar wahr seyn. Erkenne ich es für unwahr, so suche ich es zu vergessen: weil, wenn gleich alsdann die Pflicht der Verschwiegenheit an der einen Seite wegfällt, doch auch an der andern Seite mir oblieget, keine Unwahrheiten vorzubringen, und den dadurch dem gesellschaftlichen Leben entstehenden Nachtheil zu verhüten.
Endlich wird auch die Weisheit zu dem vollständigen Begriffe der Verschwiegenheit erfordert. Man muß nemlich aus der Verbindung seiner Zwecke und aus dem Verhältniß seiner übrigen Pflichten urtheilen, daß es nützlicher und nöthiger sey, diese oder jene Sache zu verschweigen als sie zu offenbaren.

Wer also aus bloßer Menschenfurcht, aus Bosheit oder aus niederträchtigen Absichten schweigt, der kann sich nichts weniger als dieser Tugend rühmen. Wer aus Einfalt schweigt, kann sich nur das stumme Verdienst zueignen, daß er zu den Zerrüttungen der-Welt nichts beyträgt. Der bloße Mangel des Sprechens macht daher den Character eines Verschwiegenen noch nicht aus. Es giebt auch Zeichen in Mienen und Gebehrden, wodurch man sich einander die Gedanken mittheilen kann. Wir finden Leute gnug, die sich das Ansehn eines Orakels geben. Ihre mystischen Blicke sind voll von verborgnen Heimlichkeiten. Ein solcher Mensch will, die Welt soll ihn als den Besitzer derselben erkennen. Er macht sie lüstern; und unvermerkt wird er entziefert. Sein unvorsichtiges Verhalten ist also eben so nachtheilig, als wenn er im Sprechen gefehlt hätte.

Die Verschwiegenheit hat demnach auch die Mäßigung im Reden zum Grunde, von welcher die Plauderey das gerade Gegentheil enthält, und bey dieser fehlt einer еntweder hauptsächlich in der Qualität; so nennt man ihn undbescheiden: oder in der Quantität; so ist er ein Schwätzer. Beydes sind Fehler, die in den Verbindungen des gesellschaftlichen Lebens höchstschädlich sind.
Die Geschichte ist voll von Beyspielen, was für Verwirrungen und Ruinen der Familien, ja ganzer Staaten durch die Plauderey gestiftet worden. Auch eine unvorsätzliche, oder ein bloßer Leichtsinn kann ein unersetzliches Unheil verursachen.
Manchem fällt nichts schwerer, als ein Geheimniß zu verschweigen. Es dringt ihm gleich einem Wassersüchtigen bis an die Kähle, und seine zaumlose geschäftige Zunge sprudelt alles heraus, was ihm irgend auf dem Herzen liegt.

Ein Schwätzer handelt thöricht, theils in Absicht seiner selbst, und theils in Absicht anderer. Er weiß weder sein eignes Unglück noch sein Glück zu verhehlen, und reizt also in jenem Fall die bittre Freude seiner Feinde, und in diesem die Wachsamkeit des Neides: Er gleicht der Gellertschen Elster, die der schönen vollen Weintrauben nicht in der Stille genießen konnte, dadurch aber andre lüstern machte, und des besten Schatzes beraubt wurde.

Du, der sein Glück der ganzen Welt entdeckt,
O Schwätzer, lern‘ ein Gut genießen,
Das, weil es wenig Neider wissen,
Uns sichrer bleibt und süßer schmeckt.


In Ansehung andrer ziehet er sich die Geringschätzigkeit zu. Er wird ein unerträgliches Sprachrohr der Gesellschaften, Er gehört zu den häufigen Thoren, die viel sprechen und wenig denken, diesen Fremdlingen in der Schule des Pythagoras, der durch das Gebot eines fünf jährigen Stillschweigens die Gabe lehne, viel zu denken, und wenig aber gut zu sprechen.


Die Verschwiegenheit streitet indessen keinesweges mit der Aufrichtigkeit. Wer mit einer weisen Mäßigung offenherzig ist, der heißt aufrichtig. Der entgegengesetzte Character bezeichnen theils das Zurückhalten, theìls die damit verknüpfte Verstellung, theils auch die Lügen. Die Schilderung derselben öffnet' ein gar zu weites Feld. Ich behalte sie zur andern Zeit vor, um die Grenzen zu zeigen, in wie weit man sich dieses Characters im moralischen Gesichtspunct bedienen könne.

Der Aufrichtige kennet den Werth der Verschwiegenheit: er opfert sie aber alsdann auf, wenn eine höhere und wichtigere Pflicht solche verbietet. Er braucht sie in hundert Fällen, und vielleicht in einem einzigen würde er siе mißbrauchen, wenn er nicht das, was er weiß, entdeckte. Er braucht siе gegen unzählige Personen, und ein einziger kann ihn in die Nothwendigkeit setzen, nicht ferner zu schweigen. Die; obrigkeitliche Macht hat dazu das äußre Zwangsrecht; und wer ohne Zwang in dem gesellschaftlichen Umgang der Verschwiegenheit entsagt, muß die überwiegenden Gründe prüfen, die die Entdeckung nothwendig machen.


Tacitus (De moribus germ. §. 22) rühmt von unsren deutschen Vorfahren Aufrichtigkeit. Sie decken, sagt er, in ihren Zusammenkünften die erlaubten Geheimniße der Brust auf. Sie ziehen sie des andren Tages in sich selbst zurück, und prüfenden Unterschied der Zeit.

Der Nutzen der Verschwiegenheit ist von unendlichem Umfang. In den Kabinetten der Großen wird sie gleich dem heydnischen Gott Consus, als dem Gott der Rathschläge, verehret. Sie ist das Siegel, das auf die Bearbeitungen des Staatssystems gedruckt wird. Sie entwischt dem horchenden Nachbar, der auch mit unsäglichen Schätzen die geheimen Entschließungen nicht errathen kann. Gesetzt, er gewinnet einen Verräther derselben; so ist der Staat allemal berechtiget, solchen mit der strengsten Strafe zu belegen, welches ich auch in dem Falle behaupte, wenn einer, ohne Bestechungen und ohne Vorsatz, die ihm anvertrauten Staatsgeheimniße zum ausbrechenden Nachtheil der Republik, welcher er dient, entdeckt.

Die Athenienser versagten einem Verräther sogar das Begräbniß. Die Geschichte liefert uns dagegen gnug Мuster von der staatsklugen Verschwiegenheit. Carl der achte, König in Frankreich, bediente sich oft des Ausdrucks, der wenigstens in einem königlichen Munde würdig klinget:

Wenn ich, sagte er, versichert wäre, daß das Hemd, welches ich an meinem Leibe trage, meine Heimlichkeiten wüßte, ich wollte es ausziehen und ins Feuer werfen.

Man rühmt von dem großen Rath zu Venedig, der in mehr als hundert Mitgliedern bestehet, daß man noch nie ihre Entschließungen und Handlungen erfahren können, ungeachtet andre auswärtige Gesandten ganz beträchtliche Summen darauf verwendet haben.

Ein Feldherr würde ohne die Gabe der Verschwiegenheit seinen Kriegsplan nicht ausführen können. Nur sein Wink darf die Untergebenen beleben und leiten. Sie würden, wenn sie seine Absichten wüßten, von einer irrigen Beurtheilung des Ganzen verleitet, einen ziemlichen Theil des Muths und des Vertrauens verlieren.


Bey gewisen Civilständen wird die Amtspflicht mit dem Eide der Verschwiegenheit bekräftiget. Ein Monarch oder eine Republik hat das Recht, denselben mit dem Dienste zu verbinden. Mir grauet aber, wenn ich an die vielfältigen Ausnahmen denke, womit man einer solchen beeideten Verbindlichkeit willkührliche und zu enge Schranken setzt. Die Wahrheit von vergangenen Vorfällen eidlich zu bestärken, ist einem wohlgeordneten Gewissen leicht, künftige Pflichten aber zu versichern, ist desto schwerer, da die äußren Umstände und Schicksale nicht in unsrer Gewalt stehen, die auf unser sittliches Verhalten oft einen gar zu starken Einfluß haben.
Das schöne Geschlecht hat diese Folter eines zarten Gewissens nicht leicht zu befürchten. Es mag mit dem Alterthum die Ursache, warum die Römer es von den Comitialversammlungen ausschlossen, und mit den neueren Jahrhunderten die Frage ausmachen: Warum es an dem verborgenen Rath der Großen selten Theil nehmen dürfe. Vielleicht ist bey ihm das Gefühl der Geheimniße zu fein und zu lebhaft.

In dem geistlichen Stande ist das so genannte Beichtsiegel der Aufmerksamkeit würdig. Pabst Innocentius der dritte verordnete bey der Einführung der Ohrenbeichte die schwerste Strafe für den. Beichtvater, der von dem, was ihm offenbaret wurde, das Mindeste entdecken würde. Und nach dem Canonischen Rechte kann nicht einmal der Pabst ihn zwingen, das Siegel der Verschwiegenheit zu brechen. Auch die Obrigkeiten sind nicht vermögend, ihn zum Zeugniß des Gebeichteten anzuhalten. Eben daher entstehet das alte deutsche Sprüchwort: Pfaffen sollen nicht aus der Beichte schwarzen. Selbst die evangelischen Kirchenräthe behaupten solche Verbindlichkeit, und die Aussage eines Priesters, der eine gebeichtete Sache unvorsichtiger oder vorsätzlicher Weile offenbaret, ist ohne Wirkung. Es findet alsdann wider den Beschuldigten weder eine Untersuchung, noch ein Reinigungseid Statt. Nur in Ansehung einer künftig vorzunehmenden. Uebelthat, z. E. einer Verschwörung leidet die Regel eine Ausnahme.


Dies sey genug von den verschiedenen Verhältnissen der Verschwiegenheit. Auch wir, meine Brüder, auch wir haben uns. durch einen Eidschwur dazu verbindlich gemacht. Nicht umsonst stellen die Egyptier den Harpokrat, den Sohn des Osiris und der Isis, im Sinnbilde eines Gottes des Stillschweigens also vor, daß er den Finger auf den Mund legt.
Diese Abbildung gibt uns reichen Stof zur würdigen Nachfolge. Ja, stritten unsre Handlungen und unsre Beschäftigungen mit den Pflichten, die wir der Religion, dem Staat, und den guten Sitten schuldig sind; so würde ich mit dem reinsten Gewissen den Eid brechen können. Ich würde ihn für eben so unverbindlich als einen abgedrungenen Eid halten. Allein das unsre Grundsäte das Gegentheil lehren, da unsre Geheimniße die äusserste und ernsthafteste Verehrung verdienen, d die Vorschrift der Obern uns den ihnen gebahnten Weg zu unsrer Wohlfahrt zubereitet; so werden wir von der Nothwendigkeit de Stillschweigens überzeugt, und selbst das Andenken an den fürchterlichen Eid gewöhnt uns zur Gabe der Verschwiegenheit. Ihr Vortheil wird uns, auch selbst in gleichgültigen Dingen, sichtbar.

Die Zunge soll ja nur ein Bote der Vernunft seyn. Will sie das Gesetz dieser Befehlshaberinn überschreiten, oder will sie da sprechen, wo sie schweigen muß; so legt ihr die Behutsamkeit Fesseln an. Da aber, wo sie reden muß, darf keine Schüchternheit sie lähmen, und ein gesetzter Muth soll sie alsdann gleichsam mit einer stärkeren Elasticität beleben. Sie sey also bereit zum Preise des Schöpfers, zur Verbreitung der Tugend, zur Beförderung der guten Sitten, zur Züchtigung der Laster, zur Demüthigung des kriechenden Stolzes, zum patriotischen Eifer, zur Aufnahme des Staats, zum Dienst der Notheidenden, und zum reinen Scherz in dem geselligen Umgange.

Bey dem Bunde unserer Freundschaft sollen wir uns der Grammatik des Herzens, ich meyne, der unverlarvten Aufrichtigkeìt befleissigen. Wie theuer, wie trostreich, wie erquickend ist der Balsam, den die Stimme des redlichen Freundes in die beklemmte Brust hauchet.

Theilt er mit mir die Last der größern Sorgen:
So bleibt von mir die kleinst‘ ihm nicht verborgen,
Und schwindet in Vertraulichkeit.
Kaum klag‘ ich’s ihm, was mich im Stillen drücket:
So hat sein Blick oft schon mein Herz erquicket,
Eh mich sein Mund mit Trost erfreut.
Gellert.

Lasset uns, meine Brüder, in dieser schönen Gestalt erscheinen. Nur diese, nur die Ausübung edler Gesinnungen, gibt unserer Stiftung den eigenthümlichen Glanz. Wir sind glücklich, in unserm ehrwürdigen Orden Führer zu haben, die das Beste desselben mit dem unsrigen zu vereinigen suchen, und die uns mit ihrem Beyspiel überzeugen, daß die Pflicht der Freundschaft erst alsdann die Stufe der Würde erreiche, wenn sie zugleich in dem empfindenden Herzen des ehrlichen Mannes ihren Sitz hat.


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