Rezension: Helmut Reinalter über die österreichische Freimaurerei im 19. und 20. Jahrhundert

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Helmut Reinalter: „Verbot, Verfolgung und Neubeginn - Die Geschichte der österreichischen Freimaurerei im 19. und 20. Jahrhundert“

Dieses Buch erfüllt einen doppelten Zweck: zum einen ist es ist ein Lesebuch über die österreichische Freimaurerei im 19. und 20. Jahrhundert. Und zum anderen ist es zugleich ein Lexikon. Mehr als 500 Stichwörter im Anhang machen es möglich, gezielt nach etwas zu suchen: nach Eigennamen ebenso wie nach den verschiedensten Begriffen, die etwas mit dem Thema zu tun haben. Von Rudi Rabe

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Was die Funktion Lesebuch betrifft, beschreibt Helmut Reinalter im zweiten Absatz des Vorworts den Inhalt seines Werks wie folgt: „Der vorliegende Band strebt keine Geschichte der Einzellogen und keine Chronologie der Ereignisse an, sondern stützt sich strukturgeschichtlich auf wichtige Schwerpunkte und auf die Erklärung komplexer Zusammenhänge. Selbstverständlich spielen dabei freimaurerische Persönlichkeiten eine nicht zu unterschätzende Rolle.“

Die ersten 40 Seiten des 300-Seiten-Buchs widmet der Autor grundsätzlichen Überlegungen zur freimaurerischen Geschichtsforschung und einigen - aus heutiger Sicht - peripheren Ereignissen in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts. Die Kürze dieser Strecke ist dem Umstand geschuldet, dass es in Habsburg-Österreich ab den 1790er Jahren acht Jahrzehnte lang keine Feimaurerlogen gab, weil das Regime sie verboten hatte. Das änderte sich erst in den frühen 1870er Jahren: jetzt wurde es möglich, sogenannte Grenzlogen zu gründen. Und so beginnt Helmut Reinalter mit der Beschreibung seines Forschungsgegenstandes genau genommen auch erst auf der Seit 57 mit den beiden Kapiteln über die Grenzlogenzeit und anschließend über die Bruderkette im Ersten Weltkrieg.

Danach folgt die Periode, der Reinalter mit rund hundert Seiten besonders viel Platz widmet: die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wobei er nun ganz im Sinne der von ihm vorgegebenen Methodik zwei strukturgeschichtlich wichtige Schwerpunkte setzt, die er am Beispiel von zwei Personen erzählt.

Kurt Reichl und Eugen Lennhoff

Diese zwei Freimaurer waren Mitglieder der Wiener Loge „Zukunft“ und des „Schottischen Ritus“. Beide arbeiteten Ende der 1920er Jahre über die Aachener Konferenz zusammen im Bemühen um eine Aussöhnung mit der Katholischen Kirche. Und beide schieden Anfang der 1930er Jahre aus der Freimaurerei aus, aber aus ganz verschiedenen beinahe konträren Gründen: Kurt Reichl weil er sich in finanziellen Malversationen gegenüber Brüdern verstrickte, worauf er ausschied, die Seiten wechselte und sich in Deutschland den gerade an die Macht gekommenen freimaurerfeindlichen Nationalsozialisten mit wechselndem Erfolg als Informant mit Insiderwissen andiente; nach 1945 versuchte er dann seine Nazi-Umtriebe zu verharmlosen und neuerlich die Seiten zu wechseln.

Ganz anders Eugen Lennhoff, der um 1930 gemeinsam mit Oskar Posner das Internationale Freimaurer-Lexikon verfasste, das bis heute - wie auch Reinalter bestätigt - ein geschätztes Nachschlagwerk ist. Als sehr renommierter Journalist konnte Lennhoff 1933 die Chefredaktion der beiden großen Wiener Zeitungen „Telegraf“ und „Das Echo“ übernehmen. Beide Blätter erschienen im Umfeld der freimaurerkritischen Christlich Sozialen Bewegung, und so verließ Lennhoff „aus beruflichen Gründen – und nur solchen“ (Wiener Freimaurer-Zeitung) seine Loge: Er ‚deckte’ also, wie es in der Freimaurersprache heißt. Als die Nazis Österreich fünf Jahre später überrannten konnte er nach England fliehen.

Helmut Reinalter widmet diesen beiden Personen und ihrem Umfeld 60 Seiten, also ein Fünftel des Buchs - zu Recht, es ist besonders interessant zu lesen.

Nach der Zwischenkriegszeit folgt der Bruch des Zweiten Weltkriegs und anschließend der schwierige freimaurerische Wiederaufbau ab 1945. Auch hier folgt Reinalter getreu seiner Methodik nicht der Erfolgschronologie, die für die österreichischen Freimaurer bald einsetzte, vielmehr konzentriert er sich wieder auf - siehe oben - strukturgeschichtlich wichtige Schwerpunkte und auf die Erklärung komplexer Zusammenhänge: etwa auf die Anerkennung der Großloge von Österreich durch die international beispielgebende United Grand Lodge of England, oder den Aufbau der sogenannten Hochgrade oder den nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) neuerlich einsetzenden Bemühungen, das Verhältnis zwischen Kirche und Freimaurerei zu normalisieren - um nur drei Beispiele zu nennen.

Blick in die Zukunft

Bemerkenswert ist auch, dass Reinalter auf den letzten zwanzig Seiten des Textteils die Historie verlässt und sich mit der Zukunft der österreichischen Freimaurerei beschäftigt - eingebettet in das Bewusstsein, dass das 21. Jahrhundert nicht nur der Menschheit, sondern auch der Freimaurerei ganz andere Aufgaben stellt als in den letzten dreihundert Jahren seit es die moderne Freimaurerei gibt. Um seine Überlegungen zusammenzufassen: So wie die Staaten und Gesellschaften ganz allgemein, braucht auch die Freimaurerei Reformen; das Berufen auf die Werte der alten Aufklärung wird nicht mehr reichen.

Insgesamt enthält das Buch viele interessante Details und immer wieder auch Originaltexte aus inzwischen historisch gewordenen Dokumenten. Es eignet sich nicht zum schnellen Drüberlesen, wohl aber zum Vertiefen bereits vorhandenen Basiswissens über die österreichische Freimaurerei - klar, es ist ja kein flottes Sachbuch, sondern ein wissenschaftliches Werk.


Helmut Reinalter: „Verbot, Verfolgung und Neubeginn - Die Geschichte der österreichischen Freimaurerei im 19. und 20. Jahrhundert“, Studienverlag, Innsbruck-Wien 2021

Über Helmut Reinalter:
Jahrgang 1943, Historiker mit Schwerpunkt Neuzeit ab dem 18. Jahrhundert. Bis zu seiner Emeritierung lehrte er an der Universität Innsbruck. Herausgeber mehrer wissenschaftlicher Reihen und Fachzeitschriften; Autor vieler Bücher.

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Siehe auch

  • Helmut Reinalter mit weiteren Informationen über seine Person und Rezensionen seiner Bücher.

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