1944: Eine kleine Schwester der «Liberté chérie»

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Villach 12. Juni 1944: Zehn Monate vor Kriegsende geheimer Neustart der Loge Paracelsus

Während der Herrschaft der Nazis und dem von diesen angezettelten Zweiten Weltkrieg war alles, was mit Freimaurerei zu tun hatte, strikt verboten. Zuwiderhandeln konnte lebensgefährlich sein. Dennoch soll es gegen Ende des Kriegs ganz vereinzelt geheime Logentreffen gegeben haben. Von Rudi Rabe.

Die Lederergasse ist heute in die Fußgängerzone der Villacher Altstadt integriert. Das Haus Nr. 19, wo 1944 in den oberen Stockwerken im Atelier Kalcher das geheime Freimaurertreffen stattfand, ist das gelbe Gebäude rechts. Heute bietet dort eine in Villach bekannte Pizzeria ihre Produkte feil (2023). Knapp vor Kriegsende traf eine Fliegerbombe das Haus. Es wurde später wieder aufgebaut und schließlich von den Erben verkauft. So verlor die Loge „Paracelsus“ ihre erste Heimstätte.
Eine Seite aus dem Tagebuch von Rudolf Cefarin: "Im Feber 1944 traf sich ...". Und dann weiter unten: "Am 17. Juni 1944 wird im Atelier Kalcher die Loge P. wiedergegründet, ohne Ritual durch Bildung der Bruderkette ...". Diese Chronik machte es möglich, nach dem Krieg die Geschehnisse zu rekonstruieren.
Rudolf Cefarin hatte schon vor der Nazi-Zeit ein Buch über die Entwicklung der Freimaurerei in Kärnten seit den Anfängen veröffentlich; ein unveränderter Reprint ist noch antiquarisch erhältlich (2023).

Das bekannteste und zugleich überragende Beispiel ist die KZ-Loge Liberté chérie (erhoffte Freiheit) im Konzentrationslager Esterwegen in Niedersachsen. Aber wir können davon ausgehen, dass es gegen Kriegsende auch außerhalb dieses Nazi-Lagers allererste Ansätze eines zu erwartenden masonischen Wiederauflebens gegeben hat.

Aus Gründen der Sicherheit wurden diese Brüder-Treffen im Untergrund kaum je dokumentiert. Eine Ausnahme ist die Loge „Paracelsus“ in Villach/Kärnten. Sie war erst 1931 gegründet worden, musste aber schon drei Jahre danach in der austro-faschistischen Zeit wieder geschlossen werden. Und nach dem Anschluss Österreichs 1938 an Hitler-Deutschland war ohnehin jeder Gedanke an ein Wiederaufleben der Loge völlig abwegig.

Doch die masonische Sehnsucht der Paracelsus-Brüder wurde dadurch nicht ausgelöscht. Und so begannen sie, als sich das Ende des Krieges und die Niederlage der Nazis abzuzeichnen begann, wieder Hoffnung zu schöpfen und diese schließlich mutig in die Tat umzusetzen.

Aus dem Zufall zum Tun

Am Anfang standen die vier Kärntner Freimaurer Rudolf Cefarin, Hans Piesch, Raimund Kalcher und Carl Ernst Newole; letzterer war eine wichtige Kärntner Freimaurerpersönlichkeit schon vor dem Krieg aber vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten danach.

Cefarin, Piesch und Newole trafen sich im Februar 1944 zufällig auf der Straße, und sie beschlossen, einander nun regelmäßig zu besuchen und über die weitere Entwicklung zu beraten - so berichtet Cefarin in einer von ihm geschriebenen handschriftlichen Chronik. Vier Monate danach konnten sie einen Höhepunkt ihrer Ambitionen erleben: Am 12. Juni 1944, also ein knappes Jahr vor Kriegsende, trafen sie einander geheim mit weiteren Brüdern im Atelier des Malers und Freimaurers Raimund Kalcher in der Ledererstraße Nr. 19 zu Villach. Und dort hielten sie erstmals eine sogenannte Arbeit unter freiem Himmel ab. Konkret: Sie bildeten so wie in jedem freimaurerischen Ritual üblich mit den Händen eine "Bruderkette", was von allen Anwesenden als Wiedergründung der "Paracelsus" aufgefasst wurde. Des weiteren beförderten sie Hans Piesch rückwirkend in den Meistergrad, was nach dem Krieg, nachdem sich die Verhältnisse in der Kärntner Freimaurerei sehr schnell wieder normalisiert hatten, als gültig anerkannt wurde. Außerdem nahmen sie mehrere Männer provisorisch in die Loge „Paracelsus“ auf; auch das wurde nach dem Krieg dann formalisiert. Und sie besprachen, wie es mit ihrer Loge nach dem erhofften baldigen Ende der Nazi-Herrschaft weitergehen sollte. Wodurch sich für uns Nachgeborene die Analogie aufdrängt: Eine kleine Schwester der «Liberté chérie», von der sie natürlich nichts wussten, war hier geboren worden. Wie gesagt - alles streng geheim - aber getragen von einer optimistischen Grundstimmung.

Nach dem Attentat auf Hitler hieß es Abtauchen

Aber leider: Dieses kurze Aufflammen der „Paracelsus“ wurde kaum sechs Wochen danach abrupt beendet, als am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler scheiterte und in der Folge im ganzen Deutschen Reich systematisch Mittäter und Sympathisanten gesucht wurden. Auch Piesch und Newole standen im Visier der Ermittler. Doch es gelang ihnen nach einem von einem Bekannten vermittelten Krankenhausaufenthalt unterzutauchen. Und auch die anderen konnten erfolgreich in Deckung gehen.


Eine Würdigung Raimund Kalchers von Ilse Spielvogel-Bodo (2009). Das Gemälde auf dem Cover zeigt die Villacher Innenstadt vom nördlichen Ufer der Drau aus.

Dann der Wiederaufbau schon ab Juni 1945

Anfang Mai 1945 waren der Krieg und die Nazizeit dann endlich vorbei. Österreich trennte sich wieder von Deutschland; die Zweite Republik wurde ausgerufen. Und bei der Neuaufstellung der österreichischen Freimaurerei war Kärnten neben Wien das zweite österreichische Zentrum. Rein zeitlich waren die Kärntner 1945 den Wienern sogar ein paar Tage voraus: Schon am 21. Juni, weniger als zwei Monate nach Kriegsende, fanden sich sieben Meister der ‚Paracelsus’ auf Schloss Frauenstein neuerlich zu einer ‚Arbeit unter freiem Himmel’ ein. Dies geschah unter Mithilfe von vier englischen Brüdern: Offiziere der britischen Besatzungsmacht, die in Kärnten von 1945 bis zum österreichischen Staatsvertrag 1955 das Sagen hatte. Parallel zum Wiederaufbau des Republik Österreich konnte nun auch der Wiederaufbau der Freimaurerei in Kärnten beginnen.


Die wichtigste Quelle für diesen Artikel sind Aufsätze zur Geschichte der Loge Paracelsus 1931 bis 2023 - gesammelt von Peter Zdesar.

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