Das wahre Geheimnis

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Quelle: Lennhoff, Posner, Binder


Jedes der im 18. Jahrhundert entstandenen unterschiedlichen Systeme der Freimaurerei behauptete, das "Das wahre Geheimnis" der Freimaurerei zu besitzen. Besonders in der Strikten 0bservanz, in dem der Freimaurerei nahestehenden Gold- und Rosenkreuzerorden und den diesen beiden nahestehenden Riten wurde mit einer gewissen Verachtung auf die banalen Werkhüttengeheimnisse herabgeblickt.

Köthener Taschenbuch für Freimaurer

Was von den Geheimnissen dieser verschiedenen Nutznießer des Freimaurertums zu halten ist, kommt in einem zeitgenössischen Urteil zum Ausdruck (Unbekannter im Köthener Taschenbuch für Freimaurer auf das Jahr 1803), ein Urteil, das so wahr ist daß es heute geschrieben sein könnte: "Bis 1740 hatten die Freimaurer von keinem Geheimnisse gesprochen; ob sie gleich eine geheime Gesellschaft sein wollten; aber seit diesem Jahre fing ein Geschrei von Geheimnissen an. Lange waren Maurer und Profane uberzeugt: es gebe Geheimnisse im Orden. Kluge behaupteten, sie zu kennen, und wollten sie nicht mittheilen, selbst dem Bruder nicht; Thoren suchten sie gegen jener Willen zu erforschen. Die heilige Philologie, die sich einst für das Centrum der Weisheit ansah und für den einzigen Massstab, Männerwerth zu berechnen gelten wollte— diese heilige Einfalt kramte in den Antiquitäten; der Name Maurer war ihre Laterne, ihr Knäuel Ariadne's, der aus dem Labyrinthe helfen sollte.

Von Seth's Säulen bis auf Salomon's Tempel, von Roms Capitole bis auf die Paulskirche in London war jedes Gemäuer Denkmal der Freimaurerei; und es gab im Ernst der Thoren nicht wenige, welche die verborgene Weisheit der ägyptischen Priester, die geheime Lehre der Eleusinien, neue Ergänzungen alter Schriftsteller, verlorene Künste Hetruriens und Gott weiss welche andere Herrlichkeiten der Antiquare wieder aufzufinden hofften.

Man deutete und suchte, solange die heilige Einfalt noch herrschte; aber eine sogenannte liberale Philosophie errang den Vortritt; und jene Deutungen machten andern Platz. Theologen suchten bald die Vereinigung aller Religionen in eine natürliche, bald Wiederherstellung des Katholicismus; und alle Proteste der Brüderschaft, dass der Orden sich um Religion gar nicht bekümmere, gar nicht bekümern dürfe, halfen zu nichts als jene Vermuthung: da stecke das Geheimniss, nur fester zu begründen. Katholische wie protestantische Inquisitoren gingen mit gleicher Heftigkeit auf die Brüder los, die bald Atheismus bald Jesuitismus predigen sollten; und noch bis heute haben beide Meinungen über den Gehalt des Geheimnisses der Freimaurer noch eine gleich erbitterte Menge Anhänger.

Religiöse Schwärmer suchten und fanden ein religiöses Geheimniss, bald innige Vereinigung mit Gott, die zur moralischen Vollkommenheit hebe und von Erleuchtung des Innern ausgehe — Verbindung mit den seligen Geistern, welche den Tempel der Freimaurerei allein noch nicht ganz verlassen hätten und dem Maurer das Vorgefühl der künftigen Seligkeit gäben — bald Erhöhung der menschlichen Kräfte zur schaffenden Gotteskraft hinauf durch den Glauben, der Berge versetzt, und die Gaben des Gottesgeistes, wie sie die ersten Jahrhunderte des Christenthums zu sehen meinten. Haben die Theologen ihre Meinungen behalten und mit Erbitterung vertheidigt — gewiss! Diese Schwärmer thaten es auch. Im geweihten Kreise meinten sie mit Henoch und Methusalah zu wandeln, und mit Moses, Elias und Jesus das Brot zu essen.

Freunde der Natur meinten: Eindringen in das Innere der Natur sei des Freimaurers Pflicht und Zweck sein Geheimniss die gemachten Entdeckungen: Goldmacherei, Stein der Weisen und treffliche Arcana gegen alle Uebel des Leibes und der Seele. Vom Tross der gewöhnlichen Handwerksmaurer sonderten Gold und Rosenkreuzer sich ab, um ungehindert auf mancherlei heiligen und unheiligen Wegen ins Innere zu dringen und die Decke wegzunehmen, welche die Werkstatt der Natur verhüllt.

Andere speculative Köpfe glaubten, die Freimaurerei sei durch die alles zernagende Zeit entnommen der Bürde, ein Geheimniss zu bewahren, und beeiferten sich, ihr eins zu geben- weil sie doch eins haben müsse — Historiker den Orden längst vergessener Ritter, und Intriguanten ein Klerikat, jeder wollte auf seine Art Commenden und Pfründe stiften, zu welchen die Brüder gelangen sollten. Ein Plan jagte den andern und konnte es; denn die auf losem Sand errichteten Tempel wehte der Wind um."

Weishaupt

Ähnlich äußerte sich der Begründer des Illuminatenordens, Weishaupt :

"Unter allen Gegenständen des menschlichen Wissens schicken sich für geheime Verbindungen keine Kenntnisse weniger als theoretische oder speculative, es sei nun, dass die Gesellschaft die Erforschung oder die Mittheilung dieser Kenntnisse zum Zweck ihrer Verbindung machen will.

Mit blossem Wissen und Theorien ist der Welt sehr wenig gedient. Nur schwache und unerfahrene Menschen stehen in dem Wahne, dass es uralte, verborgene, höchst wichtige Ueberlieferungen gebe. Dies alles ist blosses Vorgehen schlauer Betrüger, welche ihren eigenen Einfällen und Geburten dureh diesen uralten Kunstgriff die Aufnahme und Verbreitung erleichtern wollen. Ein solches Vorgeben kann der Kritik und nähern Prüfung nie widerstehen.

Der so nöthige Beweis aus der Geschichte kann für die ältere Abstammung solcher Lehren nie auf eine befriedigende Art geführt werden; und man sündigt zu sehr auf den Leichtglauben der Menschen wenn man bei uns den Wahn erwecken will. Als ob das menschliche Geschlecht ausser den bekannt gewordenen Schatzen des Alterthums noch ungleich wichtigere Aufschlüsse aus den Ländern und Zeiten der Unwissenheit durch den so betrüglichen Weg einer geheimen Ueberlieferung zu erwarten hätte."

Das wahre Geheimnis

Das wahre Geheimnis der Freimaurerei liegt im Innerlichwerden der freimaurerischen Lehren und ihrer Nutzanwendung auf die eigene Persönlichkeit und die menschliche Gesamtheit. Darüber hinaus kann es kein "wahres Geheimnis" geben. Nur Dünkel konnte diesen Begriff schaffen. Es muß aber zugegeben werden, daß es auch heutigentags Zirkel gibt die in der Freimaurerei nur eine Vorstufe zur Erkennung des "wahren Geheimnisses" sehen wollen, das in der Verbindung der Freimaurerei mit esoterischen Neigungen, wie etwa bei Bo Yin Rau. u.a., gelegen sein soll (s. Ebdar). Die Flucht vor den Wirklichkeiten des Lebens treibt einzelne Freimaurer, und nicht nur diese, in ein Wunschland weltabgewandter Spekulationen. Es gibt ein Geheimnis der Freimaurerei, eingeschlossen im Erlebnis der Weihe und in den Erkennungszeichen. Das wahre Geheimnis aber ist das Produkt eines geistigen Hochmuts, dem in Bezug auf die Freimaurerei jeder innere Wert und jede Berechtigung abzusprechen ist.