Hippel zur Tugend

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Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere
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„Die Tugend offenbart Jedem ihre Absichten“

Theodor Gottlieb von Hippel: Freimaurerreden, 1768

In Th. G. v. Hippel’s sämmtliche Werke. Zehnter Band. Kleiner Schriften. Berlin, bei G. Reimer. 1828, 189-196


Von den erlaubten Geheimnissen der Tugend.

Sehr ehrwürdiger Großmeister!
Verehrungswürdige Brüder!

Wir arbeiten alle unter der Aufsicht des Schöpfers und Meisters aller Dinge auf der Werkstätte dieser Welt, und ein neues Jahr strenget unsre Kräfte von Neuem an. Die Erde unterhält sich von Künstlern und Arbeitern, und wäre der Mensch nicht nach beiden Theilen seines Wesens zu Beschäftigungen geschickt, so würde er das Thier seyn, das auf Erden am ersten untergehen müßte. Der Hammer, das Winkelmaaß, der Hebel, die Räder und tausend Werkzeuge der Künstler, sind in ihren Händen beständig wirksam. Es bauen zwar nicht alle Tempel oder Säulen, sondern auch nur Hütten und Pfosten: es ist aber doch eine Pflicht eines Weltbürgers, nicht zu ruhen, sondern zum Weltbau seine Steine und seinen Beitrag, so gering er sey, mit herbeizubringen, damit diese Pyramide immer höher gen Himmel aufsteige.

Die Natur, sehr ehrwürdiger Großmeister, verehrungswürdige Brüder! soll uns auf unser Herz führen. Das Gebäude der Tugend ist so allgemein für das ganze menschliche Geschlecht, als die Arbeit und Kunst der Antheil und die Nothdurft der Menschen von jeher gewesen. Hat aber auch die Kunst die Natur erhoben, und durch Erfindung gewisser Kunstgriffe zugleich sich einige Geheimnisse angeschafft, so will ich hierin die Aehnlichkeit entdecken und behaupten, daß die Tugend, deren guter Sinn in unser Herz gesenkt ist, das Ansehen und die Gebräuche einer Kunst gewinnen und mit gewissen Seltenheiten und Geheimnissen prangen könne, die keiner als der Kunstverständige und der Zunftgenosse theils versteht, theils richtig zu beurtheilen weiß.

Ich falle dabei auf nichts leichter, meine Brüder, als auf den edlen Orden der ehrwürdigen Freimaurerei. Erlauben Sie mir, Ihnen zwei Sätze zur Prüfung darzustellen.

Ich frage erstlich: Ob die Tugend Geheimnisse habe?
Und ich kann daher
Zweitens beweisen, daß es dem Freimaurer erlaubt sey, auch die seinigen zu haben.

Da mir Ihre aufrichtige Freundschaft kein Geheimniß ist, so weiß ich nichts gewisser, als daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit gönnen werden. Geheimnisse bedeuten in meiner Rede keine unbegreiflichen, sondern nur verborgene Dinge. Das Erstere haben eigentlich nur die Geheimnisse der Religion an sich, und in einem etwas veränderten Sinne tragen auch die Räthsel der Natur diesen Zug an ihrer Stirne, jene Erzeugung kostbarer Metalle in den Eingeweiden der Erde, jene Donner der Electricität, jene Wendungen des Magneten. Wir gedenken uns hier aber nichts mehr als gewisse Einsichten, Gebräuche und künstliche Vortheile, die den Meisten verdeckt bleiben.

Es ist nicht nöthig, den Charakter der Tugendhaften zu schildern; wer weiß nicht, daß er den rechtschaffenen Mann, den aufrichtigen und großmüthigen Freund in sich begreift. Tugend ohne Menschenliebe ist Heuchelei oder Misanthropie, die eher zu bedauern als zu loben ist. Allein, habe ich nun nicht den Einwurf zu befürchten, daß eben diese offenherzige Tugend keine Maske, keine dunkle Wege, keine Verborgenheiten und Geheimnisse lieben müsse? Ein Tugendhafter sey freimüthig, er habe nichts zu verschweigen, er habe nichts zu verstecken.
Ich werde diesem Einwurfe, meine Brüder, glücklich ausweichen, wenn ich nur den ganz falschen Begriff von der Tugend entferne, als wenn sie sich wo damit suche als eine Heuchlerin zu schmücken, oder aus Furcht und Bewußtseyn ihrer Schwäche gezwungen sey, sich einen Hinterhalt zu machen. Nein! Diese Göttin gehet ohne Schleier, so wie die Wahrheit. Sehet ihr getrost in die Augen; ihr leset auf der Stirne des ehrlichen Mannes zugleich sein ruhiges Gewissen. Der Boshafte, der Ränkespieler, der Betrüger, diese Bösewichter haben Schlupfwinkel, Streiche und Geheimnisse der Bosheit. Die Tugend offenbart Jedem ihre Absichten, und. weiset aller Welt die Mittel und Wege an, gute Sitten und edle Eigenschaften zu haben. Sie ist nicht staatslistig, oder eigennützig oder verschmitzt.

Allein ist es denn nicht erlaubt, daß dieser oder jener Tugendhafte sich besondere Sinnbilder, besondere Vorschriften in der Tugend macht, ja gar besondere Kunstgriffe, wenn ich so sagen darf, ausgesonnen, ihre Ausübung dem Gedächtnisse zu erleichtern, Kunstgriffe und Erfindungen, die er nicht eben Jedermann, sondern nur dem anvertrauen darf, der sich zu eben so edlen Endzwecken dadurch regieren ließe?
Ist das Erstere ein sträflicher oder dem Gebiet der Tugend nachtheiliger Vorsatz, wenn man es zu erweitern und mehrere Bürger anzulocken sich bestrebt? Und damit man nicht einwende, der Tugendhafte müßte seine Erfindungen ausposaunen und selbst der undankbarsten Welt preisgeben, so verbietet dieses vielmehr die Klugheit, um nicht den Schein des Ehrgeizes zu haben, noch durch Gemeinmachung der Heiligthümer der Tugend diese Perle zu erniedrigen.
Dürfen wir unserm Nächsten über unsre Güter freie Gewalt lassen, wenn er Alles verwüstet, oder durch den Beistand, den wir ihm leisten, uns entkräften? Ja, sind wir verbunden, seine besondere vertraute Freunde zu werden, wenn er dessen nicht würdig wäre, da es genug ist, daß wir ihm nicht die allgemeine Liebe entziehen?

Dieß ist es, was ich behaupten will. Die Tugend theilt sich Allen mit, und behält doch immer für sich einige Vorrechte und Absonderungen. Kann man es den ägyptischen Priestern, so sehr verargen, daß sie ihre Künste verborgen hielten, daß sie die Siegelbewahrer der Weisheit Aegyptens waren, aber doch sich denen nicht entzogen, die mit einem würdigen und lehrbegierigen Gemüthe sie um Entdeckung ihrer Schätze ansprachen? Was hatten sie nöthig, ihre Erfindungen gleichsam auszustoßen, und durch eine mehr gefährliche als gemeinnützige Bekanntmachung zu entheiligen?
Man denke nicht, daß sie dadurch dem Besten der Republik geschadet. Nein! solche Entdeckungen, die dem gemeinen Wesen nützen können, müssen ihm auch geliefert werden, und der Hochmuth oder die Gewinnsucht werden die Urheber schon antreiben, ihre Thaten und Vorschläge auszubreiten. Aber Erfindungen, die den Schwung und die Ausübung der Tugend für sich in stillen Gesellschaften zum Augenmerk haben, können auch in den Zellen derselben als ein Heiligthum aufbehalten bleiben.

Pythagoras handelte klug, daß er sich nicht völlig gegen seine Schüler in den ersten fünf Jahren ausließ, und daß er nur den bewährtesten und vertrautesten erlaubte, sein Angesicht zu sehen, hinter dem Vorhange mit ihm zu reden, und die geheimen Anweisungen zur Tugend aus seinem Munde empfangen. Der Kaiser Antonin, der Philosoph, berichtet uns selbst, wie viele Uebungen er durchgehen müssen, ehe man ihn zu den Geheimnissen der Ceres, oder den besondern Zeremonien in dem Gottesdienste dieser Göttin, zugelassen habe.

Es ist auch zuweilen eine Klugheit, in der Tugend verschwiegen und mit seinen Sittenregeln verborgen zu seyn. Creon ist ein guter Mann, aber er sagt aller Welt, wie es in seinem Hause zugeht, er verräth seine Schwachheiten und die Gegenmittel, die er dafür braucht; er fragt um Rath gegen die Ausschweifungen seines Weibes; und ob er gleich eine gute Meinung von sich hat, so ist er hierin unbedachtsam und ein Schwächling.
Ich darf so wenig die Mittel, die ich ergreife, mich in meiner Tugend zu treiben, Jedermann vorsagen, als ich nöthig habe, Jedem, außer meinem Arzt, die Fehler meines Körpers zu entdecken.

Wie Vieles könnte ich hier von dem Plauderhaften in der Tugend, von dem eitlen Geschwätz über dieselbe, das bei Einigen so hitzig und ruhmräthig ist, wie der Trieb der Damen, über einander zu lästern, von der Prahlerei mit der Tugend, die ein Manus des St. Mard in der Juno und Diane entlarvt, aber auch im Gegentheil von dem übertriebenen Geheimnißvollen, von dem Galimathias in der Tugend sagen? Nur ich sehe eine ehrwürdige Gesellschaft vor mir, die hierin die rechte Mittelstraße trifft, und die berechtigt seyn kann, gewisse sinnreiche Erfindungen der Freundschaft und edelmüthige Zwecke vor sich geheim zu halten, aber doch Keinem, als die unwürdig sind, diese Ehrenzeichen zu tragen, ihre Thüren verschließt (*)

(*) Mehrentheils fallen die Urtheile auf das Aeußerste. Entweder man lacht spöttisch, oder man ärgert sich. Einige sehen in der Freimaurerei nichts, Andere sehen lauter Abenteuer. Man betrüge sich nicht in Beidem. Es können Geheimnisse seyn, die, wenn sie nicht groß, doch werth zu wissen, und wegen ihres reellen Grundes und eben so edler Absichten schützenswerth sind.
Der Menschenfreund in der Schürze ist derselbe in anderm Anzuge, mit dem Menschenfreunde am Ruder des Staats oder im Mantel.
Diese Gedanken wickle ein Jeder aus, so kann er Geheimnisse erfahren, und verschwiegene nicht ganz verwerfen. So kann man die Fabel eines witzigen und verdienstvollen Schriftstellers von der Freimaurerei mildern. Ist es ein Scherz, so scherzen wir mit. Ist es Ernst, so müßte man ganz durch den Vorhang gesehen und alle Stufen erstiegen haben. Ein Scepticismus, ein wenig Aufhalten für die Neugierigkeit ist nicht undienlich; aber sie muß nicht gleich unwillig werden. Man muß zuweilen mit der großen Welt urtheilen, und in der Stille vor sich denken.


Die Freimaurerei ist jederzeit eine Klippe gewesen, an der, ohne ihr Verschulden, das Urtheil vieler sonst klugen Leute gescheitert. Und wenn man die Macht des Vorurtheils über die Menschen in seiner Größe, Gewalt und Unruhe erkennen will, so suche man sich dieses Ordens werth zu machen, seine schönen Geheimnisse zu erfahren und dann hinterwärts auf die verkehrten Urtheile der Scheinheiligen, der Dummköpfe oder der Neugierigen zu blicken.
Wir wissen, der wahre Freimaurer soll ein Freund der Tugend und der Menschen seyn — (wir schließen die abgestorbenen oder kranken Glieder aus, keine Gesellschaft rechnet billig die Unwürdigen unter sich) — er hat dieselben Geheimnisse, die die Tugend hat; er hat aber auch seine Eigenthümlichkeiten, seine Erfindungen, Bilder und besondere Mittel, Freundschaft, Ehrliebe, Religion und Geselligkeit zu unterhalten. Es ist ein Gottesdienst, den er der Tugend erzeigt, und dabei er seine edlen Gebräuche hat, von denen er selbst der beste Ausleger ist.
Wer kann ihn mit Recht zwingen, die Hülfsmittel zur Tugend gleichsam dem blinden Pöbel vorzuwerfen und zu entblößen, die allein seine Glieder, Freunde und Kenner zu schätzen, die Wage haben?

Unsre Eingänge, meine Brüder, sind den Unbesonnenen verschlossen, unser Winkelmaaß ist nicht verrückt, unsre Logen sind gerecht, wir arbeiten und lernen, wenn es erlaubt ist, von unserm Namen ein Sinnbild beizubringen, wir lernen mitten in den Fluthen der neugierigen und unbeständigen Welt unsre Anker klüglich sowohl werfen, als auch lichten.
Der Baumeister so vieler Welten, der Herr so vieler Logen, gönnet uns ein neues Jahr. Kann ich Ihnen, sehr ehrwürdiger Großmeister! eine bessere Probe unserer gerechten Arbeit liefern, als die darin besteht, daß alle unsre Wünsche für Ihr Leben und Wohlergehen dahin vereinigt sind, daß wir unter Ihnen das Gebäude unserer einträchtigen Tugenden mauerfest machen, und zu immer höhern Stufen aufführen mögen?

Sie, meine Brüder, sind mit einem gleichen Bande verbunden, und ein gleiches Glück kröne unsre Entschlüsse, Hoffnungen und Verbindungen! Ein weiser Bauherr aller Dinge, ein großer Prinz, der über uns einen sanften Scepter führet und die Schnur seines Degens, so wie das Winkelmaaß seiner Handlungen kennt, die Tugend, die unsre eigne lenken soll, lassen mich ein gutes Jahr und das blühende Wohlergehen unserer Loge erwarten.
Sollte es möglich seyn, daß diese drei Anker reißen könnten?

Siehe auch:

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