Traktat: Fake-News, Verschwörungstheorien, Querdenker und der mögliche Umgang damit

From Freimaurer-Wiki
(Redirected from Querdenker)

Header800.jpg

Contents

Traktat: Fake-News, Verschwörungstheorien, Querdenker und der mögliche Umgang damit - 2022

von Jörg Schneider, Mitglied der Loge "Anschar zur Brüderlichkeit" im Orient Bremen.


Kleines Vorwort 2024

Winkel und Zirkel KI-Bild Hermann Anschar.jpg

Der folgende Text ist eine Bearbeitung meines Vortrags aus dem Jahr 2022, angeregt durch unseren Stuhlmeister Christian Kassens, der sich eine ausführliche Bearbeitung des Themas in unserer Loge wünschte.

Der Text entstand im Corona-Jahr 2022 aus einer Zusammenfassung aktueller Quellen. Damals blühten eine unübersehbare Vielzahl von Fake-News und Verschwörungstheorien auf, noch über das Maß hinaus, an das wir uns inzwischen gewöhnen mussten. Auch die moderne Querdenkerei erlebt seitdem eine neue, schreckliche Blütezeit. Und ich fürchte, der Mangel an journalistisch geprüfter Information, Bildung, Ausbildung und Medienkompetenz wird in Zukunft noch deutlich zunehmen und der Glaube an "Informationen" wird in den entsprechenden "Filter-Blasen" zunehmend überprüfte und im Rahmen des Möglichen gesicherte Informationen verdrängen, gerade auch bei der jüngeren Generation. Daher halte ich eine fortlaufende Beschäftigung mit diesem zerstörerischen Thema, besonders in Zeiten eines Putin, der Troll-Armeen zur Zersetzung seiner "Gegner" durch Fehlinformationen beschäftigt, und in Zeiten von Donald Trumps Fake-News für so überaus angebracht und wichtig. Ich stelle dazu unter anderem das amerikanische Werk "The Debunking Handbook 2020" vor, welches zu der Zeit noch nicht auf Deutsch verfügbar war.

Großer Dank geht an meine geduldigen Brüder der "Anschar zur Brüderlichkeit", die diesen Vortrag (mit alkoholischer Unterstützung) tapfer durchgestanden haben!


Fake-News, Verschwörungstheorien, Querdenker und der mögliche Umgang damit

Verschwörungstheorien sind allgegenwärtig, zum Thema Corona, wie auch über die Freimaurerei und etliche andere Themen.


Beispiel: Bill Gates

Die inhaltlichen Vorwürfe gegen Gates sind vielfältig:

  • Implantierung von Mikrochips in Menschen per Impfung
  • Impfstoff zur Bevölkerungsreduktion u.s.w.
  • Patentierung des Corona-Impfstoffs

(Gates wird vorgeworfen, die Entwicklung des Coronavirus finanziert zu haben und sich dazu im Vorfeld bereits ein Patent gesichert zu haben. Dabei wird auf ein tatsächliches von der Gates-Stiftung unterstütztes Patent zu einem „Coronavirus“ verwiesen. Bei diesem Patent handelt es sich aber lediglich um einen Impfstoff gegen ein Geflügelvirus aus der Gruppe der Coronaviren.)

Das Thema Verschwörungstheorien (und Querdenker…) wurde ja in Freimaurerkreisen bereits häufiger angesprochen, es war besonders in der Mitte der Corona-Zeit präsent – und ebenso verstörend wie beunruhigend.

Weil ich mich, wie vermutlich viele andere auch, zunehmend hilflos beim Umgang mit Verschwörungstheoretikern sehe, und mir erstauntes Kopfschütteln und Entsetzen zu wenig ist, begab ich mich auf eine Recherche zu diesem Thema.

Dabei fiel mir eine relativ neue Quelle zu dem Thema in die Hände:

  • The Debunking Handbook 2020 (Das Entlarvungs-Handbuch) (Boston University)

Dort wird eine wissenschaftlich fundierte Anleitung zum Umgang mit Verschwörungstheorien und Verschwörungstheoretikern versprochen. Dazu später mehr.

Eher pragmatisch nähert sich der „Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen zum Thema Verschwörungstheorien 2021“ der Situation. Auch daraus stelle ich später einige Statements vor.


Zuerst aber zur Klärung einiger Begriffe:

Fehlinformationen: Falsche Informationen, die verbreitet werden, unabhängig von der Absicht der Irreführung.

Desinformation: Fehlinformationen, die absichtlich verbreitet werden, um irrezuführen.

Fake News: Falsche Informationen, oft sensationeller Natur, die aussehen, als würden sie von Nachrichtenmedien stammen.

Anhaltender Einflusseffekt: Das fortgesetzte Vertrauen auf ungenaue Informationen im Gedächtnis und Denken der Menschen, obwohl eine glaubwürdige Korrektur vorgelegt wurde.

Scheinwahrheitseffekt: Oft wiederholte Informationen werden eher als wahr beurteilt, als neue Informationen, weil sie durch die Wiederholungen vertrauter geworden sind.

Verschwörungstheorien: Verschwörungstheorien beschreiben eine vereinfachte Welt, in der nichts zufällig passiert und kein Chaos für Vorgänge verantwortlich ist. Eine Welt, in der alles geplant und kontrolliert ist. Komplexe Zusammenhänge werden dabei ignoriert. Die Schuld für Ereignisse wird stattdessen bei Gruppen von Verschwörern gesucht, die entlarvt und vielleicht sogar gestoppt werden könnten. Vorgeblich soll die Wahrheit über eine Gruppe von „Bösen“, die Verbrechen begehen, aufgezeigt und die dahinter angeblich verborgenen Lügen aufgedeckt werden.

Ob das Kennedy-Attentat, 9/11 oder das Coronavirus – Verschwörungstheorien haben Konjunktur, auch dank des Internets. Doch sie sind kein Phänomen der Moderne. Seit Jahrhunderten lassen sich Menschen von Verschwörungstheorien verführen.

Die Inhalte der sich seit Jahrtausenden ständig verändernden Verschwörungstheorien passten, je nach Zeitalter, in ihre Zeit.

Im Jahr 1144 beginnt die Judenverfolgung aufgrund von Gerüchten

Gibt es heute Behauptungen, dass 5G-Handy-Sendemasten für Corona verantwortlich seien (es gab in der Folge in Europa sogar Brandanschläge auf Handy-Funkmasten), gab es im Jahr 1144 Gerüchte über den Tod eines 12-jährigen Jungen im englischen Norwich. Ein Priester aus der Familie des Jungen beschuldigte die jüdische Bevölkerung, den christlichen William aus rituellen Gründen ermordet zu haben. Der Sheriff von Norwich stellte die Ermittlungen zwar aus Mangel an stichhaltigen Beweisen ein, aber 6 Jahre später nimmt ein Mönch den Fall wieder auf, findet vorgeblich sogar Beweise für ein jüdisches Verbrechen und konstruiert daraus, unter Berufung auf eine alte Prophezeiung, nach der Juden jährlich die Kreuzigung Christis nachstellen müssten, eine passende Geschichte und stellt den getöteten Jungen als christlichen Märtyrer dar. Der entstehende Kult lockt in der Folge Pilger in die Kathedrale von Norwich. Diesem „Erfolg“ der Gemeinde eiferten verschiedene andere Gemeinden nach und erklärten ungelöste Morde ebenfalls zu jüdischen Ritualmorden. Später bildete sich sogar die Legende, Juden würden christliche Kinder ermorden, um ihr Blut aus medizinischen, kosmetischen oder zauberischen Zwecken (weil Juden mit dem Teufel im Bunde seien) zu trinken. (Die sogenannte „Blutlüge“).

Aus dieser Wurzel, einer lokalen Legende, erwuchs ein antisemitischer Grundgedanke, der sich in ganz Europa verbreitet und zu Verfolgung und Pogromen in der ganzen Welt geführt hat.

Schon in dieser Verschwörungstheorie aus dem Mittelalter finden sich die typischen Elemente: Eine bestimmte Gruppe von „Bösen“ wird benannt, denen ein Verbrechen vorgeworfen wird.

1171 erreicht die „Blutlüge“ Frankreich und dort wurden Juden wegen angeblicher Ritualmorde umgebracht. Danach verbreitete sich diese Verschwörungstheorie in Europa. Beschleunigt wurden Verschwörungstheorien mit der zunehmenden Fähigkeit zum Lesen und dem Buchdruck.

Freimaurer Mozart

1791 war der berühmteste Einwohner Wiens wohl Wolfgang Amadeus Mozart (* 27. Januar 1756 in Salzburg; † 5. Dezember 1791 in Wien). Er starb mit nur 36 Jahren am „hitzigen Frieselfieber“, nach heutiger Kenntnis einem schweren, rheumatischen Fieber. Nach dem plötzlichen, frühzeitigen Tod dieses „Pop-Stars“ seiner Zeit gaben sich viele seiner Fans nicht mit der offiziellen, medizinischen Erklärung zufrieden und verschiedene Gerüchte breiteten sich aus. Angeblich sollte sein härtester Konkurrent, Antonio Salieri, ihn mit Gift ermordet haben. Aber auch andere Gerüchte machten die Runde.

Interessant sind die Verschwörungstheorien, die sich auf die Beteiligung der Freimaurer an Mozarts Tod ranken. Dabei ist unbestritten, dass Mozart selber Freimaurer war, wie viele Intellektuelle dieser Zeit, weil auch er von den aufklärerischen Ideen der Freimaurer fasziniert war. Freimaurerlogen dieser Zeit ermöglichten Zusammenkünfte verschiedenster Klassen und sozialer Gruppen und förderten so die gesellschaftliche Entwicklung. Das war im Europa des 18 Jahrhunderts sonst kaum möglich.

Ein Gerücht besagte sogar, dass Freimaurer Mozart umgebracht hätten, weil er „verbotene“ Informationen über die Freimaurerei in seinen Kompositionen versteckt hätte. So hätte er den Auftrag für sein Requiem nur von den Freimaurern erhalten, um seine Verschwiegenheit zu testen. Allerdings stellte sich Jahre später um 1800 heraus, dass wahrscheinlich ein adliger Amateurmusiker Mozart diesen Auftrag anonym erteilte, um das Stück als sein eigenes auszugeben.

Weltverschwörung

Die damals fortschrittlichen Ideen der Freimaurer führten allerdings zu Misstrauen vieler Herrscher. Adel und Kirchen sehen die Freimaurer oft als Gefahr, ihr Herrschaftssystem in Frage zu stellen. 1785 verbot so Kaiser Joseph II 1 die meisten Freimaurer-Logen. 1793 wurden dann alle Österreichischen Freimaurerlogen aufgelöst. Viele europäische Länder folgten.

Im Jahr 1786 beschuldigte Ernst August Anton von Göchhausen 2 Freimaurer, Illuminaten 3 und Jesuiten, eine Weltrevolution zu planen. Hier zeigte sich bereits ein Vorläufer der großen Verschwörungstheorien des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit der Aufklärung liegt die Wurzel der modernen Verschwörungstheorien mit einfachen Erklärungen für zunehmend komplizierte Zusammenhänge. Die Menschen verloren zunehmend den Glauben an einen allmächtigen Gott, der den Lauf der Dinge bestimmt. Alles unterliegt in ihrem Denken weiterhin einem Plan, aber eben keinem göttlichen Plan mehr, sondern einem geheimen Plan von Verschwörern.

Drei Jahre nach der Veröffentlichung von Göchhausens Weltverschwörung kommt es 1789 zur Französischen Revolution. Unter den Revolutionären waren auch viele Freimaurer. Als Mozart 2 Jahre später starb, lag es daher für viele Menschen nicht fern, auch hier Freimaurer zu verdächtigen.

Allgemein sind Anhänger von Verschwörungstheorien überzeugt, diejenigen zu sein, die die verborgene Wahrheit ans Licht bringen. Sie sehen sich nicht als diejenigen, die Falschinformationen und Lügen verbreiten, sondern sind überzeugt, Gutes zu tun, indem sie die Wahrheit aufdecken.

Früher waren es dabei oft Menschen in Machtpositionen, die Verschwörungstheorien einsetzten, um Menschen in schwächeren Positionen anzugreifen und zum Schweigen zu bringen.

Auch im 20. Jahrhundert werden Verschwörungstheorien bewusst als Machtinstrument zum Machterhalt der Herrschenden und der Unterdrückung von Minderheiten benutzt.

1917 hat Russland nach 3 Jahren Krieg bereits über 1 Millionen Tote zu beklagen, die Russen richten ihre Wut gegen Zar Nikolaus II, sein Sturz und ein Ende des Krieges werden gefordert. Der Zar muss abdanken und wird unter Hausarrest gestellt. In der Nacht des 16. Juli 1918 wird der Zar mit seiner ganzen Familie von bolschewistischen Revolutionären umgebracht. In seinem Besitz werden damals drei Bücher gefunden, der Roman „Krieg und Frieden“, eine Bibel und „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Dieses Buch wird bis heute von Antisemiten als Beleg angeführt, dass Juden nach der Weltherrschaft streben. Der Autor des Buches ist unbekannt. Es wird aber behauptet, es handele sich um Mitschriften geheimer Schriften jüdischer Verschwörer, in denen der Umsturz der Weltordung geplant würde, indem Regierungen, Finanzmärkte, die Presse und die Freimaurerlogen übernommen werden sollten. Obwohl diese „Protokolle“ schon lange auch in Russland im Umlauf waren, werden sie 1917 als Inhalt von Verschwörungstheorien schlagartig sehr bekannt.

Es zeigt sich, dass die meisten Verschwörungstheorien eher konservativ sind und eine alte Ordnung erhalten oder wieder herstellen wollen.



1 (Joseph II: * 13. März 1741 in Schloss Schönbrunn; † 20. Februar 1790 in Wien. Von 1765 bis 1790 als erster Angehöriger des Hauses Habsburg-Lothringen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. 1765 bis 1780 amtierte er als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia in den Ländern der Habsburgermonarchie, ab 1780 übte er die Herrschaft als Erzherzog von Österreich allein aus. Gilt als Exponent des aufgeklärten Absolutismus und setzte ehrgeiziges Reformprogramm in Gang (Josephinismus, Toleranzpatent, Aufhebung der Leibeigenschaft), welches er später aber größtenteils wieder zurück nahm.

2Ernst August Anton Göchhausen (* 12. Juni 1740 in Weimar; † 28. März 1824 in Eisenach) war ein deutscher gegenaufklärerischer Autor, herzoglich Sachsen-Weimarischer geheimer Kammerrat zu Eisenach und Kammerdirektor sowie Freimaurer. 1786 veröffentlichte er anonym seine Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik, eine Polemik gegen den im Jahr zuvor verbotenen Illuminatenorden, dem er unter dem Codenamen Nahor kurzzeitig angehört hatte. Darin stellte er die Verschwörungstheorie auf, das geheime Tun des Ordens sowie überhaupt sämtliche Bemühungen der Aufklärung, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, wären in Wahrheit Machinationen des 1773 verbotenen Jesuitenordens, dessen Ziel es sei, alle staatlichen und religiösen Sicherheiten ins Wanken zu bringen, um auf der Grundlage der so hergestellten Anomie die Weltherrschaft des Papstes zu errichten. Nach Ansicht des Germanisten Ralf Klausnitzer legte Göchhausen damit „in nahezu paradigmatischer Weise die Konstruktionsprinzipien eines überbordenden Verfolgungswahns offen“.[4] 1787 baute Göchhausen in Auseinandersetzung mit seinen Kritikern, darunter der ehemalige Illuminat Johann Joachim Christoph Bode, seine Argumentation noch aus und veröffentlichte sie in Buchform unter dem Titel Aufschluß und Vertheidigung der Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik.

3Der Illuminatenorden (lateinisch illuminati ‚die Erleuchteten‘) war eine kurzlebige Geheimgesellschaft mit dem Ziel, durch Aufklärung und sittliche Verbesserung die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig zu machen. Der Orden wurde am 1. Mai 1776 vom Philosophen und Kirchenrechtler Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründet und existierte bis zu seinem Verbot 1784/85 vornehmlich im Kurfürstentum Bayern. Zahlreiche Mythen und Verschwörungstheorien ranken sich um das angebliche Fortbestehen dieser Gesellschaft und ihre angeblichen geheimen Tätigkeiten, darunter die Französische Revolution, der Kampf gegen die katholische Kirche und das Streben nach Weltherrschaft.


Zeit der Aufklärung

Mit der Aufklärung verlor die Religion als Erklärung an Bedeutung. An ihre Stelle traten Logik und Vernunft. Aber auch damit ließ sich der Verschwörungsglaube nicht aufhalten, ganz im Gegenteil: Erstmals traten globale Super-Verschwörungsmythen in Erscheinung. Einfache Erzählungen, die scheinbar allumfassende Erklärungen für komplexe Fragen des Weltgeschehens liefern.

So liefern „Die Protokolle der Weisen von Zion“ den Verlierern der Revolution von 1917 einen passenden Sündenbock: Die Verschwörungstheoretiker verweisen auf die führenden Köpfe der Revolution, Leo Trotzki, Jakow Michailowitsch Swerdlow und Grigori Sinowjew, die Juden waren. Schnell machten Gerüchte die Runde, dass die Revolutionäre in Wahrheit einer jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung angehören. Diese Verschwörungstheorie verbreitete sich in Europa und in der Welt. So fiel zum Beispiel der amerikanische Autokonstrukteur, Verleger und Autor Henry Ford mit anti-kommunistischer und antisemitischer Propaganda auf, in der er auf die "Die Protokolle der Weisen von Zion" Bezug nimmt und vor einer Weltverschwörung warnt. Fords Buch „Der internationale Jude“ gehört in Nazi-Deutschland zur Pflichtlektüre. In Deutschland nutzten die Nazis diese Legende, um Angst und Hass gegen die jüdische Gemeinschaft zu schüren.

1921 werden "Die Protokolle der Weisen von Zion" dann von der LONDON TIMES als Fälschung entlarvt. In den „Protokollen“ werden ganze Abschnitte eines Satiretextes von 1864 „Dialog in der Hölle“ zwischen Macchiavelli und Montesquieu gefunden. Etwa ein Drittel der „Protokolle“ entstammen dem französischen Text, der sich in keiner Weise auf Juden bezieht.

Allerdings beeinflusst diese Entlarvung erstaunlicherweise den Fortbestand der antisemitischen Verschwörungstheorie in keiner Weise.

Verschwörungstheoretiker

Auch hier zeigt sich, dass überzeugte Verschwörungsanhänger mit sachlichen Argumenten kaum erreichbar sind. Im Gegenteil zeigen Studien, dass die Anhänger von Verschwörungstheorien um so fester an ihre Be-hauptungen glauben, wenn sie mit Beweisen des Gegenteils konfrontiert werden. Wie bei einer Religion sind Verschwörungstheorien über Zweifel erhaben. Für Verschwörungstheoretiker ist es leichter zu akzeptieren, dass jemand im Hintergrund die Fäden zieht, als dass Dinge einfach geschehen, ohne dass sie jemand kontrolliert.

Im 20. Jahrhundert wächst die Verbreitung von Verschwörungstheorien dann zusätzlich durch die Massenmedien. Jetzt dienen sie aber nicht mehr nur den herrschenden Klassen zum Machterhalt sondern sind zunehmend ein Mittel der Machtlosen. Sie dienen nun oft eher als Mittel zur Kritik an den Eliten und werden immer komplexer. Es geht immer weniger um die Erklärung einzelner Ereignisse, sondern mehr um die Welt als ganzes.

Dies zeigt sich zum Beispiel bei den Verschwörungstheorien zum Attentat auf John F. Kennedy vom 22. November 1963 in Dallas. Die eingesetzte Kommission kommt nach einem Jahr in einem fast 900 Seiten starken Bericht zu dem Schluss, dass es keine Verschwörung gab und es sich um einen einzelnen Attentäter handelte. Trotzdem ranken sich bis heute etliche Verschwörungstheorien um den Mord. Sie stammen, im Gegensatz zu früheren Zeiten, nun aus dem Volk. Verschwörungstheorien sind nicht mehr die offizielle, sondern eher eine alternative Erklärung, und sie richten sich gegen die Regierung, die als Teil einer Verschwörung gesehen wird und der nun eher misstraut wird. Eine Umfrage vom Jahr 2013 unter US-Amerikanern zeigte, dass 61 Prozent der Befragten an eine Verschwörung im Fall Kennedy glauben. Die jahrzehntelangen Zweifel vernebeln dabei die Fakten.

In dieser Zeit des kalten Krieges gab es insgesamt zunehmend Verschwörungstheorien. So wurde zum Beispiel auch behauptet, die US-Regierung würde Beweise für Aliens und Ufos in der Militärbasis Area 51 verstecken. Auch die Mondlandungen seit 1969 werden häufig als Fake bezeichnet. Einige Verschwörungstheoretiker behaupten, viele dieser Ereignisse stellten eine gemeinsame, große Verschwörung dar, eine sogenannte Super-Verschwörung, die verschiedene Ereignisse und Einzelverschwörungen in Zusammenhang bringt.

Durch die aktuelle Entwicklung der Verschwörungstheorien und Fake-News eignen sie sich inzwischen auch zur Manipulation von Wahlen.

Trump und der Kinderporno-Ring

So halten sich seit Oktober 2016 im Internet hartnäckig die auch von Donald Trump und seinem Wahlkampfteam unterstützten Fake-News, Hillary Clinton würde mit den US-Demokraten in Washington DC im Keller einer Pizzaria („Comet Ping Pong“) einen Kinderporno-Ring unterhalten, die „Pizza-Gate-Verschwörung“. Hillary Clinton wird darin unterstellt, sie sei pädophil. Nachdem ein bewaffneter Verschwörungstheoretiker dorthin gefahren ist, um die vermeintlichen Opfer zu retten und dabei auch um sich schoss, stellte er mit den eintreffenden Sicherheitskräften fest, dass an diesen Fake-News nichts wahres dran war, das Lokal noch nicht einmal überhaupt einen Keller hat. Im Verhör sagte der Täter später, er schätze, die Informationen seien wohl nicht zu 100 Prozent richtig gewesen. Trump behauptete in seinem von Lügen und Verschwörungstheorien geprägten Wahlkampf bei einem Auftritt in Florida, Hillary Clinten würde gemeinsam mit internationalen Bänkern heimlich daran arbeiten, Amerika und seine weiße Arbeiterklasse zu zerstören. Trump gewann den Wahlkampf 2016 auch, indem er über die Verbreitung von Verschwörungstheorien Misstrauen zu den Medien und in die etablierte Politik schürte.

Die Professorin Nancy Rosenblum berichtet in ihrer Analyse dazu, dass heutige, typische Verschwörungstheorien inzwischen auf jegliche Beweise und Erklärungen verzichten und nur noch aus Behauptungen und Aggressionen bestehen. Dabei bietet das Internet eine ideale Bühne, wobei die „Echokammern“ und „Filterblasen“ der sozialen Medien ein besonderes Problem darstellen.

Misstrauen bildet eine perfekte Basis für Verschwörungstheorien. In den USA misstrauen inzwischen Millionen Menschen der Regierung. Nach einer Umfrage glauben über die Hälfte der US-Amerikaner mindestens an eine Verschwörungstheorie.

Q-Anon

Während Donald Trumps Amtszeit trat dann zum ersten Mal Q-Anon auf einer Internet-Plattform von Verschwörungstheoretikern auf und ist heute bereits im Mainstream angekommen. „Q“ behauptet, ein hochrangiger US-Regierungsbeamter zu sein, der anonym geheime Informationen an die Öffentlichkeit bringen wolle. Bei der Bewertung „Q“ handelt es sich in den USA um die höchste zivile Sicherheitsfreigabe, die auch Zugang zu den nuklearen Geheimnissen des Landes erlaubt. „Q“ behauptet, die USA würden in Wahrheit von einer geheimen Schattenregierung gelenkt, die er „Deep State“ (Staat im Staat) nennt. Auch hier seien mächtige Drahtzieher aus Politik, Industrie, Finanzwesen und Geheimdiensten verantwortlich und der einzige, der sie bekämpfen würde, wäre Donald Trump. Die Anhänger von „Q“ schließen sich über das Internet und soziale Medien zusammen und werden so zu einer Bewegung, QAnon, einem politischen Kollektiv. So entsteht eine regelrechte Gegen-Öffentlichkeit mit dem Slogan „We are Q“. Und Donald Trump nimmt die Rolle als vorgeblicher Retter gerne an. Auch die zuvor beschriebene „Pizza-Gate“ Affaire gehört zum Bereich von QAnon. Daraus folgt für die Anhänger dieser Bewegung, Trump bekämpfe die pädophile demokratische Partei den USA, die sich mit dem Blut der von ihnen gefangen gehaltenen Kinder finanzieren würde. Die Anhänger dieser Verschwörungstheorie behaupten, diese Kinder würden sogar getötet, um aus ihrem Blut das Wundermittel Adrenochrom herzustellen, welches angeblich von den Reichen und Mächtigen der Welt als Anti-Aging-Mittel genutzt wird. Das erinnert deutlich an die entsprechenden Ritual-Mord-Verschwörungstheorien aus dem Mittelalter. QAnon enthält und vertritt dabei ebenfalls einen ausgeprägten Antisemitismus.

Nach dem Verlust der US-Wahl 2020 verbreitete Donald Trump dann die Legende, der Wahlsieg sei ihm gestohlen worden. In der Folge kommt es zum Sturm seiner aufgehetzten Anhänger auf das Capitol in Washington, wo die Wahl von Trumps legitimem Nachfolger, Joe Biden, parlamentarisch bestätigt werden sollte. Das zeigt, dass radikalisierte Verschwörungsanhänger nicht vor Gewalt zurückschrecken. Dadurch wurde also in diesem Fall sogar entscheidenden Institutionen der Demokratie die Legitimation abgesprochen und die Demokratie selbst von Verschwörungsanhängern angegriffen. Es ist weiterhin unklar, wie der daraus folgende Werte-Verlust dieser wichtigen Institutionen aufgefangen werden könnte. Auffällig ist, dass sich „Q“ nach Trumps Wahlniederlage nur noch sehr selten zu Wort meldet.

Die US-Bundespolizei stufte die QAnon-Bewegung bereits 2019 als inländische Terrorismusgefahr ein. In Deutschland wurden die QAnon-Behauptungen anfangs vornehmlich von Rechtsradikalen und Protagonisten der Reichsbürgerszene geteilt. Im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen wurden sie auch in Teilen dieser neuen Bewegung populär. Experten in den USA und Deutschland schätzen QAnon inzwischen als schwere aktuelle Gefahr für die repräsentative Demokratie ein.

Der Wikipedia-Artikel zu QAnon fasst zusammen:

Während der COVID-19-Pandemie in Deutschland 2020 entstanden zahlreiche deutschsprachige QAnongruppen im Netz. Die New York Times schätzte die deutsche Anhängerschaft auf mehr als 200.000. Laut britischen und US-amerikanischen Analysen befanden sich im Sommer 2020 drei der weltweit zehn aktivsten QAnon-Communities im deutschsprachigen Raum. Eine deutschsprachige Hauptplattform für sie ist ein Telegramkanal (Qlobal Change). Seine Abonnentenzahl wuchs von 21.000 am 17. März 2020 auf über 160.000 im Januar 2021. Ähnliche Entwicklungen gibt es im gesamten deutschsprachigen Raum.

Der frühere Journalist Oliver Janich verbreitet QAnon-Thesen in Artikeln für rechtsextreme Zeitschriften, auf seinem YouTubekanal und seinem Telegramkanal. Ein weiterer einflussreicher Verbreiter von QAnon-Thesen war der Sänger Xavier Naidoo. In einem emotionalen Video vom April 2020 gab er Adrenochrom als aus Kinderblut gewonnenes Verjüngungsmittel aus und behauptete, derzeit würden „in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“.

Die deutsche QAnonbewegung knüpft an ältere rechtsextreme Esoterik an. So griff der antisemitische Verschwörungsideologe Jan Udo Holey („Jan van Helsing“) schon 2018 Q-Erzählungen auf, ebenso der Rechtsesoteriker Jo Conrad. Laut dem Religionswissenschaftler Matthias Pöhlmann vernetzen sich deutsche QAnonanhänger auf gefährliche Weise mit Rechtsextremen, Reichsbürgern und rechten Esoterikern und umfassen teils dieselben Gruppen.

Der rechtsextreme Attentäter Tobias R., der beim Anschlag in Hanau 2020 (19. Februar) neun Menschen ermordete, hatte in seinem Bekennervideo von geheimen US-Militärbasen gesprochen, in denen Kinder misshandelt würden. In seinem Pamphlet hatte er Webinhalte von US-Verschwörungstheoretikern verlinkt. Laut einer Analyse der Journalisten Patricia Zhubi und Alexander Reid Ross hatte Tobias R. QAnon und andere rechtsradikale Onlinenetzwerke intensiv besucht, diese hatten ihn in seinen Obsessionen bestärkt.

An den Berliner Protesten gegen Coronamaßnahmen vom 1. und 29. August 2020 nahmen auch QAnonanhänger teil. Der „Querdenken“-Initiator Michael Ballweg zitierte dort den QAnonslogan „Where We Go One, We Go All.“ Das rechtspopulistische Magazin Compact hatte mit einem Q auf dem Cover zur Kundgebung aufgerufen. Viele Demonstranten trugen den Buchstaben Q, das Kürzel WWG1WGA oder das Motiv der Gadsden-Flagge aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf Fahnen und Schildern sowie T-Shirts mit der Aufschrift „Rettet die Kinder“. Ein Träger sagte auf Nachfrage, welche Kinder gemeint seien: „In Deutschland verschwinden jedes Jahr Hunderttausende Kinder, das wissen Sie ja, oder?“ Zu den deutschen Q-Anhängern gehört die Heilpraktikerin Tamara Kirschbaum. Sie war 2019 als Anmelderin der von Rechtsextremen durchsetzten Gelbwesten in Aachen aktiv, arbeitet am Webportal Qlobal Change mit und verbreitet als „die Stimme“ des „X22 Report“ täglich auch ins Deutsche übersetzte QAnonthemen über ihren Blog, einen YouTube- und einen Telegramkanal. Gegen 19:00 Uhr am 29. August 2020 rief sie zum Sturm auf das Reichstagsgebäude auf. Dabei trug sie ein T-Shirt mit QAnonsymbolen. Sie behauptete, Trump sei in Berlin als Befreier und die Polizei werde keinen Widerstand mehr leisten. Daraufhin durchbrachen bis zu 400 Personen die Absperrungen, besetzten die Treppe und versuchten ins Gebäude einzudringen, darunter Reichsbürger mit Schwarz-Weiß-Rot-Flaggen. Auch Kirschbaum gehört laut dem Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen zur Reichsbürgerszene. Die Gebäudebesetzung war zuvor in Chatgruppen und auf der Demonstration selbst gefordert worden.

QAnonanhänger waren auch unter den rund 30.000 Teilnehmern der „Querdenker“-Demonstration vom 9. November 2020 in Leipzig.

Innerhalb der verschwörungsideologischen Szene gibt es in den sozialen Medien auch skeptische Stimmen, die ihrerseits „nicht mit Sicherheit ausschließen“ wollen, „dass die Q-Bewegung nicht auch von der satanischen Fraktion kontrolliert und gesteuert wird [und im] schlimmsten Fall […] in Wirklichkeit die allerletzte große Lüge“ ist, die „in die Neue Weltordnung und somit in das dunkelste Kapitel der Weltgeschichte führt“.

Nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine Anfang 2022 verbreiteten QAnon-Anhänger die Behauptung, Putin wolle mit diesem Angriffskrieg unter der Führung von Ex-US-Präsident Trump einen Kinderhandel-Ring sprengen .

Die QAnon-Erzählung bedient alle wichtigen Faktoren eines Verschwörungsmythos, hat aber auch viele Merkmale einer Sekte: Sie liefert klare, einfache Feindbilder, universelle Erklärungsmodelle für alle Vorgänge und apokalyptische Visionen. Sie negiert die Existenz von Zufällen und komplexen Zusammenhängen. Gegenbeweise sind in ihrem Denken nicht möglich. Ihren Anhängern gibt sie das Gefühl, Teil einer Elite zu sein, die im Besitz eines Geheimwissens ist und für das Gute kämpft. Wer widerspricht oder auch nur Zweifel äußert, wird dem Feindeslager zugeordnet. Experten sehen daher in der QAnon-Bewegung sektenähnliche Strukturen. (Aus: Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen zum Thema Verschwörungstheorien 2021)

Die QAnon-Legenden zeigen Bezüge zu apokalyptischen, religiösen Motiven wie einem prophezeiten Endkampf zwischen Gut und Böse. QAnon knüpft an bestehende Ressentiments an - beispielsweise gegen Medien („Lügenpresse“) und sogenannte Eliten. Auch antisemitische Muster sind in den Verschwörungs-legenden oft deutlich zu erkennen.


Das Entlarvungs-Handbuch

Das eigentliche Problem, wenn einem voller Überzeugung von einer Verschwörungstheorie erzählt wird, ist aber, geht man darauf ein – und wie ist eine Argumentation überhaupt sinnvoll und erfolgversprechend?

Hierzu liefert das „Debunking Handbook“ (Entlarvungs-Handbuch) aus amerikanischen Forschungsergebnissen einige Erkenntnisse, Tipps und Vorschläge.

Ein paar der Kernaussagen des Buches und Gedanken dazu:

Objektive Wahrheit ist weniger wichtig als Vertrautheit: Wir alle neigen tendenziell dazu, Unwahrheiten zu glauben, wenn sie ausreichend oft wiederholt werden. Je mehr Menschen also auf eine Fehlinformation stoßen, die sie nicht in Frage stellen, desto mehr scheint die Fehlinformation wahr zu sein und desto mehr bleibt sie in der Erinnerung hängen. Selbst wenn eine Quelle als unzuverlässig identifiziert wird oder offensichtlich falsch ist und nicht mit der Ideologie der Informationsempfänger übereinstimmt, führt die Wiederholung der falschen Information immer noch dazu, dass die Menschen den Behauptungen Glauben schenken.

Fehlinformationen sind oft auch von emotionaler Sprache durchdrungen und darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu erregen und überzeugend zu wirken. Dies erleichtert ihre Verbreitung und kann die Wirkung steigern, insbesondere in der aktuellen Online-Wirtschaft, in der die Aufmerksamkeit der Nutzer zu einer Ware geworden ist.

Fehlinformationen können auch absichtlich suggeriert werden, indem „nur Fragen gestellt“ werden. Eine Technik, die es Provokateuren ermöglicht, auf Unwahrheiten oder Verschwörungen hinzuweisen, während sie gleichzeitig eine Fassade der Seriosität aufrechterhalten. In einer Studie dazu führte zum Beispiel das bloße Stellen von Fragen, die auf eine Verschwörung im Zusammenhang mit dem Zika-Virus hindeuteten, zu einem erheblichen Glauben an die Verschwörung. („Irgendwas wird schon dran sein, wenn darüber berichtet wird“). Alleine schon eine Überschrift wie „Sind Aliens unter uns?“ kann, wenn man einen nachfolgenden Text nicht liest, den Gedanken regelrecht einpflanzen, dass eben die Außerirdischen unter uns sind. (Denken wir zum Beispiel an die BILD Zeitungsüberschriften).


Woher kommen Fehlinformationen?

Fehlinformationen reichen von veralteten Nachrichten, die ursprünglich für wahr gehalten wurden und in gutem Glauben verbreitet werden, über technisch wahre, aber irreführende Halbwahrheiten bis hin zu vollständig fabrizierten Desinformationen, die absichtlich verbreitet werden, um die Öffentlichkeit irrezuführen oder zu verwirren. Menschen können sich sogar falsche Vorstellungen von offensichtlich fiktiven Informationen aneignen. (Das Hörspiel "Der Krieg der Welten" von Orson Welles löste schon 1938 Panik unter den Zuhörern aus. Bis heute ein Beispiel für die Leichtgläubigkeit der Menschen.)

Überparteiliche Nachrichtenquellen produzieren häufig Fehlinformationen, die dann von parteiischen Netzwerken verbreitet werden.


Ein Beispiel:

Um die Funktionsweise solcher Desinformationen aufzuzeigen, wurde schon 2015 ein Experiment durchgeführt: Die Schokoladen-Diät.

Eine Diät, die dauerhaften Gewichtsverlust verspricht und gleichzeitig vorschreibt, täglich Schokolade zu essen! Das „Institute of Diet and Health“ in Mainz hat dabei durch die passende, selektive Auswahl von tatsächlichen Untersuchungsergebnissen auf dem Papier „bewiesen“, dass entsprechende Probandengruppen erfolgreich durch täglichen Schokoladenkonsum Gewicht reduziert hätten.

Die Studienergebnisse, publiziert im Londoner Wissenschaftsmagazin "International Archives of Medicine", waren eindeutig: Die "Schokoladengruppe" verlor zehn Prozent mehr Gewicht als die Vergleichsgruppe.

Ein gefundenes Fressen für Journalisten: Eine Schokoladen-Diät! Die Meldung verbreitete sich nach einiger Zeit weltweit: TV, Zeitschriften, Onlinemedien in Australien, den USA, Indien, Russland und Nigeria griffen die Meldung auf, "Focus Online" kreierte eigens ein Video , und die "Bild"-Zeitung hievte die Nachricht später sogar auf die Titelseite.

Hinter diesem Versuch steckten zwei freie Fernsehjournalisten (Peter Onneken und Diana Löbl). Titel der Doku: "Schlank durch Schokolade - eine Wissenschaftslüge geht um die Welt".

Die Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ist einfacher als erwartet. Nur 100 Dollar mussten die Autoren investieren, dann erschien die - auf Englisch verfasste - Studie amtlich im "International Archives of Medicine". Es folgt eine Vermarktungskampagne, mit Pressemitteilungen in Deutsch und Englisch und eine Facebook-Präsenz ("The Chocolate Transformation" ).

Es zeigt sich, wie leicht es also ist, Fake-News in einem großen Kreis zu verbreiten.


Das Debunking Handbook listet weiter auf:

Das zusätzliche Problem: Fehlinformationen können "klebrig" sein

Ein grundlegendes Rätsel bei Fehlinformationen besteht darin, dass, obwohl Korrekturen den Glauben der Menschen an falsche Informationen zu verringern scheinen, die Fehlinformationen oft weiterhin das Denken der Menschen beeinflussen – dies ist als „Effekt der anhaltenden Beeinflussung“ bekannt. Der Effekt wurde viele Male wiederholt. Beispielsweise könnte jemand erfahren, dass ein Verwandter an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt ist. Selbst wenn er später erfährt, dass die Informationen falsch waren – und selbst wenn die Person diese Korrektur akzeptiert und sich daran erinnert –, können sie in verschiedenen Kontexten immer noch ein anhaltendes Vertrauen in die anfängliche Fehlinformation zeigen (z. B. könnten sie das angeblich betroffene Restaurant meiden). Ein Teil der Information bleibt kleben.

Faktenchecks und Korrekturen scheinen zu „funktionieren“, wenn Sie Menschen direkt nach ihren Überzeugungen fragen. Beispielsweise können Personen die Berichtigung einer Fehlinformation korrekt melden und erklären, dass sie der ursprünglichen Fehlinformation nicht mehr glauben. Aber das garantiert nicht, dass die Fehlinformationen nicht an anderer Stelle auftauchen, zum Beispiel bei der Beantwortung von Fragen oder indirekt damit zusammenhängenden Entscheidungen.

Auch wenn Fehlinformationen klebrig sind, haben wir Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Wir können verhindern, dass Fehlinformationen überhaupt erst Fuß fassen. Oder wir können Verfahren anwenden, um Fehlinformationen erfolgreich zu entlarven.

Es gibt etliche Beweise dafür, dass Aktualisierungen faktischer Überzeugungen, selbst wenn sie erfolgreich sind, möglicherweise nicht zu einer Änderung der Einstellung oder des Verhaltens führen.

Beispielsweise geben Menschen in polarisierten Gesellschaften (z. B. den USA) an, dass sie weiterhin für ihren bevorzugten Politiker stimmen werden, selbst wenn sie feststellen, dass die Mehrheit der Aussagen des Politikers falsch ist. Glücklicherweise muss das aber nicht so sein. In weniger polarisierten Gesellschaften (z. B. Australien) hängt laut Untersuchungen die Wahlabsicht der Menschen eher von der Wahrhaftigkeit der Politiker ab.

Die Macher des Debunking Handbook rufen nach ihren Studien dazu auf, trotzdem nicht untätig zu bleiben: Erfolgreiche Entlarvung kann das Verhalten beeinflussen – zum Beispiel kann es die Bereitschaft der Menschen verringern, Geld für fragwürdige Gesundheitsprodukte auszugeben oder irreführende Inhalte online zu teilen.


Verhindern, dass Fehlinformationen haften bleiben

Da Fehlinformationen schwer zu beseitigen sind, ist es eine fruchtbare Strategie, zu verhindern, dass sie überhaupt Wurzeln schlagen.

Mehrere Präventionsstrategien haben sich als wirksam erwiesen.

Menschen einfach davor zu warnen, dass sie möglicherweise falsch informiert sind, kann die spätere Abhängigkeit von Fehlinformationen verringern. Selbst allgemeine Warnungen („die Medien überprüfen manchmal nicht die Fakten, bevor sie Informationen veröffentlichen, die sich als ungenau herausstellen“) können die Menschen empfänglicher für spätere Korrekturen machen. Es hat sich gezeigt, dass spezifische Warnungen, dass Inhalte falsch sein könnten, die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Personen die Informationen online weitergeben.

Der Prozess der geistigen „Impfung“ beinhaltet eine Vorwarnung sowie eine präventive Widerlegung und folgt der medizinischen Analogie. Indem Menschen einer stark abgeschwächten Dosis der Techniken ausgesetzt werden, die zur Fehlinformation verwendet werden (und indem die Fehlinformationen präventiv widerlegt werden), werden sozusagen „kognitive Antikörper“ verabreicht. Wenn man den Menschen beispielsweise erklärt, wie die Tabakindustrie in den 1960er Jahren „falsche Experten“ einsetzte, um eine pseudowissenschaftliche „Debatte“ über die Schäden des Rauchens zu führen, werden die Menschen widerstandsfähiger gegen nachfolgende Überzeugungsversuche, die dieselbe irreführende Argumentation im Kontext verwenden.


Stichwort Medienkompetenz

Alleine Menschen einfach zu ermutigen, Informationen kritisch zu bewerten, während sie sie lesen, kann die Wahrscheinlichkeit verringern, ungenaue Informationen aufzunehmen oder kann Menschen helfen, kritischer in ihrem Kommunikationsverhalten zu werden. Die Aufklärung der Menschen über spezifische Strategien zur Unterstützung des kritischen Umgangs mit Informationen kann Menschen dabei helfen, entsprechende Gewohnheiten zu entwickeln. Zu diesen Strategien gehören:

  • Eine vorsichtige Haltung gegenüber allen Informationen in sozialen Medien einnehmen.
  • Nachdenken über die bereitgestellten Informationen, Bewertung ihrer Plausibilität im Hinblick auf Alternativen unter Berücksichtigung der Qualität der Informationsquellen und ihrer möglichen Motive.
  • Überprüfen von Behauptungen, besonders bevor sie geteilt werden.
  • Überprüfen weiterer Quellen (Laterales Lesen), um die Glaubwürdigkeit zum Beispiel einer Website zu bewerten, anstatt zu versuchen, die Website selbst zu analysieren.

Man kann, laut der Studienmacher, allerdings nicht davon ausgehen, dass Menschen sich spontan auf solche Verhaltensweisen einlassen.


Wann lohnt der Aufwand des Entlarvens von Fehlinformationen:

Wenn Sie nicht verhindern können, dass Fehlinformationen haften bleiben, dann haben Sie einen weiteren Pfeil im Köcher: Entlarvung! Allerdings sollten Sie sich zunächst ein paar Gedanken machen, bevor Sie damit beginnen.

Jeder hat begrenzte Zeit und Ressourcen. Wenn sich ein Mythos nicht weit verbreitet oder nicht das Potenzial hat, jetzt oder in Zukunft Schaden anzurichten, macht es vielleicht keinen Sinn, ihn zu entlarven. Die Bemühungen könnten woanders besser investiert sein, und je weniger über einen unbekannten Mythos gesagt wird, desto besser.

Korrekturen nehmen die Fehlinformationen allerdings zwangsläufig nochmal auf und erhöhen dadurch unter Umständen deren Bekanntheit. Das Hören von Fehlinformationen in so einer Korrektur schadet jedoch laut entsprechender Untersuchungen eher wenig, selbst wenn die Korrektur einen Mythos einführt, von dem die Menschen vorher noch nichts gehört haben. Trotzdem sollte man darauf achten, durch eine gutgemeinte Korrektur nicht zusätzliche, unangemessene Randmeinungen und Verschwörungstheorien unter die Leute zu bringen. Wenn niemand zuvor von dem Mythos gehört hat, warum sollte man ihn dann öffentlich korrigieren?

Es ist zu bedenken, dass man einen von anderen in die Welt gesetzten Mythos nicht korrigieren kann, ohne darüber zu sprechen. In diesem Sinne kann jede Korrektur, selbst wenn sie erfolgreich ist, unbeabsichtigte Folgen haben. Einige Gedanken zur passenden Vorgehensweise lohnen sich. Beispielsweise könnte die Hervorhebung des Erfolgs und der Sicherheit eines Impfstoffs positivere Gesprächsthemen schaffen als die Entlarvung eines impfstoffbezogenen Mythos‘. Und es sind dann die eigenen Gesprächsthemen, nicht die von jemand anderem.


Wer sollte Fehlinformationen entlarven?

Erfolgreiche Kommunikation beruht hier besonders auf der Glaubwürdigkeit der entlarvenden Person. Informationen aus Quellen, die als glaubwürdig empfunden werden, erzeugen typischerweise stärkere Überzeugungen und sind allgemein stärker. Im Großen und Ganzen gilt dies auch für Fehlinformationen. So wird die Glaubwürdigkeit eher klein sein, wenn Menschen der Nachrichtenquelle wenig Aufmerksamkeit schenken oder wenn die Informationsquelle unbekannte Leute sind, und nicht zum Beispiel eine renommierte Nachrichtenagentur.

Die Glaubwürdigkeit der Quelle spielt auch bei der Korrektur von Fehlinformationen eine Rolle, wenn auch vielleicht in etwas geringerem Maße. Bei der Aufschlüsselung von Glaubwürdigkeit in Vertrauenswürdigkeit und Fachwissen kann die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit einer entlarvenden Quelle wichtiger sein als ihre wahrgenommene Expertise. Quellen mit hoher Glaubwürdigkeit für beide Bereiche, Vertrauenswürdigkeit und Fachwissen, (z. B. Angehörige der Gesundheitsberufe oder vertrauenswürdige Gesundheitsorganisationen) können da die ideale Wahl sein.

Wichtig ist auch, dass die Glaubwürdigkeit einer Quelle je nach Inhalt und Kontext für einige Gruppen wichtiger ist als für andere. Beispielsweise misstrauen Menschen mit einer negativen Einstellung gegenüber Impfstoffen formellen Quellen von impfstoffbezogenen Informationen (einschließlich allgemeiner, öffentlicher Informationen von Gesundheitsorganisationen…).

Passen Sie die Botschaft also an das Publikum an und nutzen Sie einen Boten, dem die Zielgruppe vertraut. Weisen Sie auch auf Eigeninteressen von Desinformationsquellen hin.


Empfehlung, wie Fehlinformationen am erfolgreichsten entlarvt werden:

Es ist unwahrscheinlich, dass eine einfache Richtigstellung einer Fehlinformation allein die Fehlinformation vollständig auslöscht. Eine Information nur als fragwürdig oder aus einer nicht vertrauenswürdigen Quelle stammend zu bezeichnen, reicht in der Regel nicht aus, gerade, wenn die Fehlinformation sich schon mehrfach eingeprägt hat.

Es ist oft erfolgreicher, nach diesem Ablauf vorzugehen:

  • Beginnen Sie mit der wahren Tatsache, klar, prägnant, einfach und verständlich.

Wenn es mit ein paar klaren Worten möglich ist, sagen Sie zuerst, was wahr ist. Auf diese Weise können Sie die Botschaft selbst gestalten. Die besten Richtigstellungen sind so markant wie die Fehlinformationen (in Schlagzeilen, nicht in Fragen versteckt). Verlassen Sie sich nicht auf eine einfache Richtigstellung (wie „diese Behauptung ist nicht wahr“). Eine auf den wahren Fakten basierende, kausale, alternative Erklärung, was wirklich passiert ist, anzubieten, bietet eine gute Möglichkeit zur Aufdeckung von Fehlinformationen. Eine kausale, wahre Alternative zu haben, erleichtert das „Ausschalten“ der ungenauen Fehlinformationen im anfänglichen Verständnis einer Person und ersetzt sie durch eine neue Version dessen, was passiert ist. Diese Alternative sollte möglichst nicht komplexer sein und dieselbe Erklärungsrelevanz haben wie die ursprüngliche Fehlinformation. Es kann allerdings Umstände geben, in denen die Tatsachen so nuanciert sind, dass sie sich einer prägnanten Zusammenfassung entziehen. In solchen Fällen kann es besser sein, mit einer Erklärung zu beginnen, warum der Mythos falsch ist, bevor dann die Fakten erklärt werden.

  • Warnen Sie vor, dass Sie nun von der Fehlinformation, dem Mythos, berichten. Erzählen Sie dann nur ein Mal davon (damit sich die Fehlinformation nicht noch mehr einprägt).

Korrekturen sind am erfolgreichsten, wenn Menschen hinsichtlich der Quelle oder Absicht der Fehlinformationen sowieso schon misstrauisch sind.

  • Erklären Sie, in welcher Weise dieser Mythos in die Irre führt.

Stellen Sie die Wahrheit den falschen Informationen gegenüber. Anstatt nur zu behaupten, dass die Fehlinformationen falsch sind, ist es besser, Einzelheiten darüber anzugeben, warum sie falsch sind. Erklären Sie, warum die fehlerhafte Information ursprünglich für richtig gehalten wurde und warum jetzt klar ist, dass sie falsch ist, und warum die von Ihnen gelieferte Alternative richtig ist. Erklären Sie nach Möglichkeit, warum die Fehlinformation falsch ist, indem Sie nicht nur eine sachliche Alternative anbieten, sondern auch auf logische oder argumentative Irrtümer hinweisen, die der Fehlinformation zugrunde liegen. Ein zusätzlicher Vorteil der Aufdeckung von Fehlschlüssen besteht darin, dass sie nicht von bestimmten Sachgebieten abhängen und Menschen daher davon profitieren können, entsprechende Entlarvungen von Fehlinformationen auch in anderen Sachbereichen entdecken zu können.

  • Schließen Sie ab, indem Sie die wahre Tatsache bekräftigen, wenn möglich, mehrfach, in verschiedenen Formulierungen. Verstärken Sie dadurch die wahren, „richtigen“ Fakten und stellen Sie sicher, dass Sie damit auch eine sinnvolle, kausale Erklärung im Gegensatz zur Fehlinformation liefern.

Wiederholen Sie die wahre Tatsache noch einmal, damit diese das letzte ist, was die Leute im Kopf behalten. Leider stellte sich bei Untersuchungen heraus, dass selbst bei detaillierten Widerlegungen die Wirkung der Argumente mit der Zeit nachlässt, seien Sie also darauf vorbereitet, das Thema eventuell wiederholt anzusprechen!


Generell gilt:

  • Vermeiden Sie wissenschaftlichen Jargon oder komplexe Fachsprache.
  • Gut und verständlich gestaltete Grafiken, Videos, Fotos und andere Hilfsmittel können hilfreich sein, um Korrekturen mit komplexen oder statistischen Informationen klar und prägnant zu vermitteln.
  • Die Wahrheit ist oft komplizierter als eine virale, falsche Behauptung. Sie sollten also versuchen, komplizierte Ideen zu übersetzen und verständlich zu präsentieren, damit die Ideen für das Zielpublikum leicht nachvollziehbar sind – damit sie leicht lesbar, leicht vorstellbar und leicht abrufbar sind.


Aufdeckung von Fehlinformationen in den sozialen Medien: Gemeinsam agieren

Schon der Hinweis, dass die meisten Menschen exakte Informationen bevorzugen, bringt Leute dazu, mehr auf die Qualität ihrer Postings in sozialen Netzwerken zu achten.

Mobilisieren Sie die Nutzer sozialer Medien dazu, schnell auf Fehlinformationen zu reagieren, indem Sie Fakten teilen. Die Bemühungen einer Plattform bzw. von deren Betreibern selber sind möglicherweise nicht ausreichend. Eine Korrektur durch die anderen Nutzer der Plattform kann besser funktionieren, wenn sich die Nutzer entsprechend engagieren.

Einzelpersonen haben durchaus die Möglichkeit, online etwas zu bewegen: Richtigstellungen von Benutzern, Experten und manchmal sogar Algorithmen (z. B. das automatisierte Empfehlen verwandter Artikel, die eine Korrektur enthalten) können wirksam sein, um falsche Wahrnehmungen der Community zu reduzieren.

Alleine schon zu sehen, wie Fehlinformationen in den sozialen Medien korrigiert werden, kann zu akkuraterem Umgang mit entsprechenden Themen führen.

Umgekehrt kann das Schweigen zu Fehlinformationen zu einer „Spirale des Schweigens“ sowohl für die zu korrigierende Person als auch für den Beobachter führen, bei der eine schweigende Mehrheit einer lautstarken, aber falsch informierten Minderheit die „Lufthoheit“ zu einem Thema überlässt.


Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen zum Thema Verschwörungstheorien 2021

Bei den weiteren Recherchen bin ich über einen „Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen zum Thema Verschwörungstheorien 2021“ gestoßen, zusammengefasst heißt es dort zum Beispiel:

Bei einer Demonstration in Wien fiel im August 2020 eine Teilnehmerin auf, die lautstark skandierte, … „Antifa muss weg“, „Rothschild muss weg“, „Rockefeller muss weg“, „Illuminati müssen weg“, „Freimaurer müssen weg“.

„Das Thema Verschwörungstheorien wird in den Medien und in zahlreichen Buchveröffentlichungen kritisch beleuchtet. Dies bietet die Chance auf eine „Entlarvung“ der Inhalte von Verschwörungstheorien, denn dadurch können diese aufgedeckt bzw. entlarvt werden. Damit wird detailliertes Informationsmaterial zur Verfügung gestellt, das insbesondere Personen helfen kann, die sich noch nicht vollinhaltlich Verschwörungstheorien zugewandt haben. Personen, die von Verschwörungstheorien überzeugt sind, können jedoch damit kaum erreicht werden. Sie lehnen die Inhalte renommierter, klassischer Medien in der Regel ab, und sehen jeden, auch noch so ausgewogenen Beitrag zum Thema als Beleg und Bestätigung für die Richtigkeit der Verschwörungstheorien, mit denen sie sich beschäftigen. Auch kann beobachtet werden, dass Soziale Medien – vor allem Facebook, YouTube und der Messenger Telegram – eine Art „Brandbeschleuniger“ für die Verbreitung von Verschwörungstheorien darstellen können.

Generell kann festgestellt werden, dass sich Verschwörungstheorien in Richtung Mitte der Gesellschaft zu bewegen scheinen, die Inhalte zum Teil extremer und aus einer neutralen Außensicht bizarrer werden.“

Denkt man an die Verschwörungstheorien von QAnon, wird klar, was mit „bizarr“ gemeint ist:

Zentraler Inhalt ist bei QAnon die erfundene Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem ausgepressten Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. US-Präsident Donald Trump bekämpfe diese Elite und einen vorgeblichen „Deep State“.

Man kann angesichts solcher Behauptungen nur staunen, was für Verschwörungstheorien sich massenhaft verbreiten.

Die Österreichische Bundesstelle für Sektenfragen sagt zum Thema Verschwörungstheorien weiter:

„Verschwörungstheorien ohne Bezug zur Coronavirus-Krise haben seit dem Frühjahr 2020 eine geringere Chance auf massenwirksame Verbreitung und Aufmerksamkeit. Die Energie der Akteurinnen und Akteure scheint von der Kontextualisierung der Inhalte mit den Maßnahmen gegen das Coronavirus und der Deutung derselben beansprucht zu werden. Verschwörungstheorien, die in ihrem Ursprung mit der Coronavirus-Krise keinerlei Zusammenhang hatten, werden jedoch in der Regel umgehend in die aktuellen Deutungen einbezogen. Ein Beispiel dazu ist die QAnon-Bewegung, die ihren Ursprung in den USA hat. Die Influencerinnen und Influencer dieser Bewegung haben es offensichtlich verstanden, ihr Narrativ in die Agenda der Querdenker einzubringen. Erkennbare Aktivistinnen und Aktivisten der QAnon-Bewegung sind ein fixer Bestandteil der Querdenker-Szene. Der Fantasie der Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker sind dabei keine Grenzen gesetzt. Als Beispiel können die mit vielerlei Verschwörungstheorien argumentierenden Gegnerinnen bzw. Gegner des 5G-Mobilfunkstandards genannt werden, die eine Verbreitung des Coronavirus mit der 5G-Technologie in Zusammenhang bringen.

Querdenker-Szene

Aktivistinnen und Aktivisten nutzen besonders auch die Querdenker-Szene, um ihre Agenda zu verbreiten und verbreitern. Die Querdenker selbst scheinen gleichzeitig offen für jede weitere Erzählung, die dazu geeignet ist, das imaginäre Netz einer facettenreichen Verschwörung darzustellen.

Eine inhaltliche Betrachtung des Geschehens sowie die Medienberichte legen den Schluss nahe, dass rechte und rechtsextreme Gruppen in der Querdenker-Szene dominieren. Das scheint sowohl für Österreich als auch für Deutschland zu gelten.

Die Manifestationen der Querdenker lassen sich auch in Form einer aufsteigenden Eskalation darstellen.

1. Ziviler Widerstand aus praktischen Gründen Der Unmut der Akteurinnen und Akteure richtet sich gegen die politisch getroffenen Verordnungen wie Lockdown, Maskenpflicht oder Hygienemaßnahmen, die als Einschränkung und Belastung empfunden werden. Ein verschwörungstheoretisch tieferer Sinn hinter den Maßnahmen wird von diesen Personen nicht oder nicht vorrangig vermutet.

2. Intellektuelle Infragestellung der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen Im Wesentlichen wird argumentiert, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mehr Schaden anrichten als ein etwaiger Ausbruch der Krankheit anrichten würde.

3. Einbettung von Verschwörungstheorien Die Pandemie an sich und die Maßnahmen gegen die Pandemie werden in die Narrative von einer oder mehreren Verschwörungstheorien eingebunden.

Mitwirkende bei Querdenker-Protesten zum Corona-Thema: Im Laufe des Jahres 2020 bis zum Frühjahr 2021 ließ sich bei den Querdenker-Protesten das Auftreten unter anderem von folgenden Gruppen beobachten:

  • Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker
  • Anhängerinnen und Anhänger pseudomedizinischer Vorstellungen, vor allem Impfgegnerinnen und Impfgegner
  • Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten
  • Staatsverweigerer und Reichsbürger

Darüber hinaus haben im Rahmen von Demonstrationen und Veranstaltungen im öffentlichen Raum auch viele Personen teilgenommen, die weiter nicht zuordenbar waren. Hinzu kamen vereinzelte „Trittbrettfahrerinnen“ und „Trittbrettfahrer“, die die Querdenkerveranstaltungen als Gelegenheit zu einem publikums- oder medienwirksamen Auftritt ihres eigenen Anliegens nutzten. Dazu zählen etwa selbsternannte „Schamanen“ oder Personen, die die Coronavirus-Krise mit „Satanisten“, „dunklen Herrschern“ oder dem „Moloch-Kult“ in Verbindung brachten.

Gemeinsamkeiten in der Persönlichkeit und den Lebensumständen von Betroffenen

Im Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen können aus Sicht der Angehörigen folgende Gemeinsamkeiten in der Persönlichkeit und den Lebensumständen von Betroffenen beobachtet und festgehalten werden:

  • Fast immer werden Verschwörungstheorien intensiv weiterverbreitet. Es besteht ein großes Bedürfnis, andere zu informieren und einen Prozess des „Erwachens“ auszulösen.

Es wird ein Schwarz-Weiß-Schema aufgebaut zwischen jenen, die Verschwörungstheorien für Tatsachen halten und jenen, die diese kritisieren und die in der Folge als „Schlafschafe“ (die deutsche Übertragung des englischen „sheeple“ – einer Wortkombination aus „sheep“ und „people“) oder „Systemlinge“ bezeichnet werden.

  • Durchgehend besteht eine skeptische Haltung gegenüber klassischen Medien wie Print, Radio oder Fernsehen, die sehr häufig bis zur totalen Ablehnung reichen kann. Besondere Ablehnung gilt staatlich geförderten Medien, aber auch allen Informationsplattformen von Regierung und staatlichen Einrichtungen.
  • Demgegenüber steht bei den meisten eine sehr unkritische Haltung und Zustimmung zu individuell bevorzugten Online-Informationskanälen und Social-Media-Plattformen.

Einzige Voraussetzung für grundlegende Glaubwürdigkeit ist die inhaltliche Übereinstimmung mit der Meinung der bzw. des Verschwörungsgläubigen. Der psychologische Effekt „Confirmation Bias“ ist deutlich sichtbar. Es werden nur Informationen aufgesucht, die die bestehende Meinung bestätigen. Die Expertise einer Person in diesen „Echokammern“ scheint zweitrangig, sobald sie aber einen Hintergrund in Medizin, Biologie, etc. aufweisen kann, wird dieser besonders betont und gegenüber allen anderen Expertinnen- und Expertenmeinungen bevorzugt.

  • Durchgehend wird von den meisten Betroffenen spätestens seit der Zulassung der ersten Impfstoffe vor diesen gewarnt und der Kampf gegen Impfungen und häufig auch gegen COVID-19-Testungen steht im Mittelpunkt des Engagements. Als Grund wird häufig die Überzeugung genannt, dass die Impfstoffe entweder das Virus erst verbreiten würden oder eine andere Substanz enthalten würden, die zu Tod oder Unfruchtbarkeit führen soll, oder es würde mit Chemikalien oder Mikrochips im Impfserum Einfluss auf den Willen und die Selbstbestimmung von Menschen ausgeübt.

Befürchtungen persönlicher Nachteile bei Verweigerung der Impfung nehmen ebenso großen Raum ein. Mitunter wird auch Angehörigen mit Kontaktabbruch gedroht, wenn diese sich für eine Impfung entscheiden sollten. In einigen Fällen wird der Schulbesuch von Minderjährigen verweigert, weil die dort verpflichtende Testung und Maskenpflicht abgelehnt wird.

  • Kritik an den Behauptungen, Konfrontation mit Fakten und Diskussionen über Inhalte der Verschwörungs-theorien werden fast immer als erfolglos bezeichnet. Der Versuch des Umfelds, möglichst wenig über diese Inhalte zu sprechen und auf entsprechende Nachrichten nicht zu reagieren, wird ebenfalls selten als dauerhaft geglückt erlebt.
  • Häufig bestand bei den Betroffenen bereits zuvor ein Interesse an Esoterik oder am Ausüben von esoterischen Praktiken. Manche sind gerade über das Umfeld der Esoterik mit Verschwörungstheorien in Kontakt gekommen. Es scheint große Überschneidungen dieser beiden Felder zu geben.
  • Ein Teil der Betroffenen stammte aus einem christlich konservativen bzw. fundamentalistischen Umfeld. Die Coronavirus-Krise wurde etwa als Zeichen einer nahenden Apokalypse, als Strafe Gottes oder als Kampf zwischen Gott und Satan interpretiert.

Manchmal wurde davon ausgegangen, dass vor allem der Glaube vor einer Ansteckung oder einem schweren Verlauf der Erkrankung ausreichend schützen würde, weitere Vorsichtsmaßnahmen wurden zum Teil vernachlässigt.

  • Manche Menschen sind unmittelbar von den Coronavirus-Maßnahmen in ihrer Existenz gefährdet wie beispielsweise Ein-Personen-Unternehmen.
  • Über einen Großteil wird berichtet, dass sie aktuell über „viel Zeit“ verfügen würden.
  • Fast alle konsumieren in exzessiver Menge Berichte und Produkte aus dem Dunstkreis der Verschwörungstheorien im Internet. Die Angehörigen beschrieben ein suchtähnliches Verhalten in Bezug auf diesen Internetkonsum.
  • Viele der Betroffenen hätten sich laut Einschätzung der Familie zuvor wenig mit Politik befasst oder man hätte sie bisher einem anderen politischen Spektrum zugeordnet.

Die aktuellen Aussagen scheinen dieser Einstellung zu widersprechen und werden als „Rechtsruck“ beschrieben. Manchmal zeigen sich die Angehörigen bestürzt, dass die Aussagen im Bereich extrem rechter Ideologie lägen und bis zu Antisemitismus und Holocaust-Leugnung reichen würden.

  • Manche nehmen aktiv an den sogenannten „Corona-Demos“ teil und vernetzen sich zumindest online intensiv mit Gleichgesinnten auf Social-Media-Plattformen, die meisten konsumieren nur passiv Material aus dem Internet und werden selbst nur aktiv, indem sie diese Inhalte teilen.
  • Die Erwartung einer „Krise“ oder eines „Aufstandes“ führt manchmal dazu, dass sich die Person entsprechend vorbereitet, Lebensmittel einlagert, Geld von der Bank abhebt und in Gold wechselt und Survival-Trainings absolviert, in wenigen Fällen wird auch von Waffenkäufen und Kampfübungen berichtet. Von der Familie wird von den Betroffenen erwartet, sich in ähnlicher Weise vorzubereiten.


Verschwörungstheorien scheinen sich bei Betroffenen grob in zwei Ausdrucksformen zu manifestieren:

1. Die Person wirkt angsterfüllt und gestresst oder wütend-aggressiv. Das Mitgefühl mit vermeintlich entführten Kindern oder mit Menschen, die durch Impfungen scheinbar gefährdet sind bzw. werden, steht im Vordergrund. Man will warnen und aufrütteln, Zukunftsängste sind sehr präsent. Manche scheinen vor Angst wie gelähmt, lesen aber weiterhin stundenlang Horrorerzählungen über angeblich bevorstehende Katastrophen.

2. Die Person wirkt nicht zusätzlich belastet, sondern ganz im Gegenteil ruhiger und gelassener als vor der Beschäftigung mit Verschwörungstheorien. Diese scheinen den Selbstwert der Person zu steigern, ihr Auftrag und Sinn zu geben. Sie sieht sich als Teil einer Elite von Wissenden im Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit. Da die Pandemie nicht als reale Gefahr eingestuft wird, besteht auch kaum Angst, sich oder andere zu infizieren. Fokus ist die Auflehnung gegen als unnötig empfundene Einschränkungen. Die Umgebung erlebt sie im Auftreten eher als „besserwisserisch“ und arrogant. Katastrophenszenarien scheinen eher mit einer gewissen Vorfreude erwartet zu werden, da sie eine neue, bessere Ordnung bringen und dem Umfeld die eigene Blindheit vor Augen führen würden. Sätze wie: „Ihr werdet es noch sehen!“ sind in diesem Zusammenhang häufig.

Beide Personengruppen verbringen viel Zeit im Internet, stundenlang werden Videos angesehen und Forenmitteilungen gelesen. Manche bleiben dabei reine Konsumentinnen bzw. Konsumenten, die die Inhalte aber durchaus im Familienkreis teilen, andere beteiligen sich aktiv an den Diskussionen. Die Gemeinschaft der Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien wird die soziale Hauptbezugsgruppe. Der Freundinnen- und Freundeskreis verschiebt sich in diesen Bereich. Die „Corona-Demos“ sind für manche Höhe- und Treffpunkt, viele besuchen aber gar keine Veranstaltungen im realen Raum. Das Online-Verhalten wird bei beiden Gruppen vom Umfeld als „suchtähnlich“ beschrieben. Die auf diese Art geteilten und konsumierten Inhalte werden von einer kleinen Anzahl an Influencerinnen und Influencern erstellt. Bei dieser Gruppe können auch finanzielle und politische Motive vorliegen.

Im Verhalten gegenüber Vertreterinnen und Vertretern von Behörden und staatlichen Einrichtungen zeigen sich Parallelen zu Staatsverweigerern. Man sieht den Staat als Instrument der Unterdrückung und Handlanger einer böswillig agierenden Macht. Die demokratische Legitimation wird abgesprochen, Fakten ignoriert, jede Stellungnahme und Information wird angezweifelt. Man ist überzeugt, einer höheren Wahrheit zu dienen, sieht sich im Freiheitskampf für wahre Demokratie und damit legitimiert, Gesetze und Vorgaben ignorieren zu können. Mit großer Empfindlichkeit wird häufig jede Einschränkung als Verletzung von Meinungsfreiheit und der Menschenrechte interpretiert. Dass die eigene Position nicht großflächig über alle Medien verbreitet und von einer Mehrheit geteilt wird, wird meist als Beweis einer Meinungsunterdrückung bewertet.“

Die Österreichische Bundesstelle für Sektenfragen gibt auch einen Leitfaden für Angehörige für den Umgang mit Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen oder sie vertreten, heraus:


Grundsätzliche Haltung im Gespräch sollte sein:

  • Behandeln Sie die Person mit Respekt, auch wenn Ihnen die Verschwörungstheorie

absurd erscheint. Fordern Sie aber auch vom Gegenüber Respekt und einen höflichen Umgang ein. Setzen Sie Grenzen, wenn dieses nicht eingehalten wird.

  • Versuchen Sie als Gesprächspartnerin bzw. Gesprächspartner sympathisch zu bleiben.

Sie wirken als Person durch Ihr Auftreten und Ihre Umgangsformen mindestens ebenso stark wie Ihre Argumente.

  • Bleiben Sie freundlich und sachlich.
  • Rechnen Sie nicht damit, durch ein Gespräch das Weltbild Ihres Gegenübers auf den

Kopf zu stellen. Es genügt oft schon, einen kleinen Zweifel zu säen oder zu zeigen, dass nicht jeder diese Ansicht teilt. Ziel kann zumindest sein, gegen Schwarz-Weiß- Schablonen aufzutreten und sich nicht in ein Freund-Feind-Schema pressen zu lassen.

  • Leben Sie selbst vor, was Sie sich in einem Gespräch von anderen erwarten:

Wertschätzenden Umgang, Diskussionskultur, Akzeptanz anderer Meinungen, aufmerksames Zuhören und die Achtung des anderen als Menschen, auch bei unterschiedlichen Positionen. Machen Sie Ihr Gegenüber darauf aufmerksam, wenn es selbst gegen diese Gebote verstößt. Machen Sie dann die Form des Umgangs miteinander zum Thema.


Das Vorgehen bei der Auseinandersetzung:

Verschwörungstheorien beim Namen nennen und Position beziehen

Verschwörungstheorien werden nicht nur aus Mangel an Information verbreitet, sondern auch, weil die Senderin bzw. der Sender sie als Ausdruck der eigenen Weltanschauung selektiv aufnimmt und weitergibt. Verschwörungstheorien sind Teil einer Selbstoffenbarung und Einladung, dieses Weltbild zu teilen. Sie versuchen, die Gesellschaft zu spalten, Feindbilder zu erzeugen und gegen Personengruppen zu hetzen. Ob Sie nun in einer Diskussion zu einzelnen Behauptungen Stellung beziehen oder nicht ist weniger relevant, als diese grundsätzlichen Wirkmechanismen zu benennen. Sprechen Sie es entweder direkt an, dass Sie eine Behauptung für eine Verschwörungstheorie halten, oder beziehen Sie sich in erster Linie auf den Hintergrund der Kommunikation, nämlich dass diese z.B. antidemokratisch, unsozial oder antisemitisch ist bzw. rechts- oder linksextremes Gedankengut transportiert oder beinhaltet. Auch wenn eine Behauptung menschenverachtend, entehrend, gehässig oder boshaft ist, sollte das beim Namen genannt werden. Wenn Fakten simplifiziert und falsch dargestellt, wenn Feindbilder erzeugt werden, dann soll darauf auch hingewiesen werden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt ist es sinnvoll und wichtig, die Haltung und das Weltbild, die mittransportiert werden, anzusprechen und dagegen Stellung zu beziehen. Schweigen vermittelt sonst zu leicht Zustimmung.

Grundsätzlich wird im Beratungskontext das Aufrechterhalten von Kontakten empfohlen. Es kann aber auch in manchen Situationen nötig sein, dass Sie sich abgrenzen. Wenn eine Diskussion ergebnislos bleibt, ist es manchmal sinnvoller, das Thema generell zu meiden. Manche Verbreiterinnen bzw. Verbreiter von Verschwörungstheorien bemerken aufgrund ihres Enthusiasmus nicht, dass sie grenzüberschreitend agieren und die Beziehungen in ihrem Umfeld stark belasten. Eine Rückmeldung, dass die eigene Grenze erreicht wurde, das Blockieren von Nachrichten und die Einschränkung von Kontakten sind manchmal in ihrer „Schockwirkung“ hilfreich. Achten Sie auch darauf, dass das Thema nicht ständig im Mittelpunkt aller Interaktionen steht. Verschwörungstheorien leben davon, einer kleinen Minderheit übermäßig viel Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Unterscheidung zwischen Interessierten und Gläubigen

Stellen Sie fest, ob Ihr Gegenüber für Argumente zugänglich und an Informationen und einer Diskussion interessiert ist. Vielleicht wurden zweifelhafte Inhalte aus Unwissenheit geteilt und es besteht noch keine Identifikation mit den Inhalten. Ist die Person noch auf der Suche nach Informationen, testet sie die Reaktionen in ihrem Umfeld? Hat sie sich schon eine feste Meinung gebildet oder befindet sie sich noch in der Phase der Meinungsbildung? Wenn sich jemand noch nicht sicher ist, können eine inhaltliche Diskussion und eine Richtigstellung von falschen Behauptungen sinnvoll sein. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich gut mit den Argumenten und Gegenargumenten der jeweiligen Verschwörungstheorie vertraut zu machen, vor allem, wenn sie auf Fehlinformationen oder einseitiger Interpretation von Daten beruhen.

In der Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien ist die Analyse und Bewertung der Informationsquellen, die Ihr Gegenüber benutzt, besonders wichtig. Häufig findet die Verbreitung von Verschwörungstheorien über unseriöse Internetplattformen statt. Wenn eine Verschwörungstheorie bereits zur „Glaubensfrage“ und somit zum integralen Bestandteil des Weltbildes der Person wurde, ist die Diskussion über Inhalte meist nicht mehr möglich. Konzentrieren Sie sich dann in erster Linie darauf, die verwendeten Quellen zu hinterfragen. Woher kommt die Behauptung? Wie erkennt man eine seriöse Quelle? Warum vertraut die Person gerade dieser Quelle? Womit wäre sie davon zu überzeugen, einer Verschwörungstheorie aufgesessen zu sein?

Was sind mögliche Motive und Ängste, was ist der Gewinn?

Verschwörungstheorien nehmen für viele Betroffene fast schon eine pseudoreligiöse Funktion ein. Sie erklären die Welt und führen Ordnung und Sinn ein, Komplexität wird reduziert und durch Schwarz-Weiß-Bilder ersetzt. Demnach wird alles Leid von einer kleinen Gruppe übelwollender, übermächtiger Menschen verursacht. Ein düsteres Weltbild wird gezeichnet, aber eines, das Opfer und Schuldige benennt und den Zufall durch Ursache-Wirkungs-Beziehungen ersetzt. Die vielschichtige postmoderne Landkarte mit ihrem Übermaß an Informationen und ihren komplexen, undurchschaubaren Verflechtungen wird dabei auf eine „simple U-Bahn-Karte“ reduziert. Die „Gläubigen“ erhalten eine besondere Aufwertung durch die „Kenntnis“ des scheinbar Geheimen und Auftrag sowie Bedeutung durch die „Mission“, andere ebenso zu überzeugen.

Da Verschwörungstheorien auch Glaubenskonstrukte sind, wird eine sachliche Diskussion wenig an den Standpunkten ändern. Der Umdenkprozess kann nur eigenmotiviert, von der Person selbst initiiert und oft über einen längeren Zeitraum hinweg stattfinden. Inputs aus dem Umfeld entwickeln durchaus Wirkkraft, aber nur in kleinen Schritten und nicht direkt steuer- und planbar. Statt einzelne Verschwörungstheorien zu besprechen, ist es daher zielführender, die grundsätzliche Weltanschauung der Person in den Fokus zu stellen. Welches Bild unserer Gesellschaft und welches Menschenbild werden durch die Verschwörungstheorie generell transportiert? Meist ist es eine dystopische, düstere Welt in simplen Schwarz-Weiß-Mustern. Menschen sind darin entweder verschlagene Despotinnen und Despoten oder naive „Schlafschafe“.

Wie sieht Ihr Gegenüber das? Teilt Ihr Gegenüber die Ansicht, dass unsere Welt zu einem großen Teil von Lüge und Unterdrückung getragen sei? Dass Hunderttausende Menschen düstere Geheimnisse hüten, dass es keine Demokratie, keine freien Medien und keine Sicherheit gebe? Gibt es persönliche Erfahrungen, die zu dieser Weltsicht geführt haben und sie bestätigen?

Gehen Sie mit Interesse für den konkreten Menschen in das Gespräch. Wie kommt er dazu, diese Dinge zu glauben? Welche Lebenserfahrungen haben ihn geprägt? Und legen Sie zudem auch Ihre eigenen persönlichen Haltungen und Weltanschauungen dar. Wodurch wurde Ihr eigenes Weltbild geprägt?

  • Um zu verstehen, warum jemand in den Sog von Verschwörungstheorien geraten ist, muss man sich mit den aktuellen Lebensumständen der Person befassen: Wie geht es der Person derzeit in allen Aspekten des Lebens? Gibt es soziale, finanzielle oder gesundheitliche Ängste? Gibt es Erfahrungen von Kontrollverlust, Benachteiligung und Ungerechtigkeit? In welcher Weise greift die Verschwörungstheorie diese Erfahrung auf und verbildlicht sie? Welche entlastende Funktion könnte die Verschwörungstheorie für die Person haben?
  • Eine Grundlage für das Engagement kann ein nachvollziehbarer ethischer Wert sein: Welche positiven Motive könnten Antrieb sein? Dazu zählt beispielsweise, dass der Person Freiheit, Gerechtigkeit und Kontrolle von Macht wichtig sind, dass sie grundsätzlich eine kritische Haltung einnehmen will. Auch der Wunsch, „gute Eltern“ zu sein, andere Menschen zu schützen oder soziale Gerechtigkeit herzustellen, können entsprechende Beweggründe darstellen.
  • Suchen Sie nach dem „Common Ground“: Welche Gemeinsamkeiten können trotz aller Differenzen gefunden werden? Wo stimmen Ihre eigenen Werte mit denen Ihrer Gesprächspartnerin bzw. Ihres Gesprächspartners überein?
  • Es kann sein, dass Verschwörungstheorien ein Sinnvakuum auffüllen: Was macht die spezifische Verschwörungstheorie für diese Person so relevant? Welches Bedürfnis erfüllt das Engagement dafür? Worauf müsste die Person verzichten, wenn sie den Glauben daran aufgeben würde? Gibt ihr das Engagement auch mehr Selbstwert und eine Aufgabe im Leben? Erfährt sie dadurch Lebenssinn und Wertschätzung aus den Kreisen Verbündeter?
  • Manchmal dient die intensive Beschäftigung mit Verschwörungstheorien der Vermeidung einer Konfron-tation mit unmittelbaren persönlichen Problemen: Wovon könnte das Engagement für die Verschwörungs-theorie ablenken? Was sind die eigentlich dringenden Fragen, mit denen sich die Person auseinandersetzen müsste?
  • Verschwörungstheorien stellen die Welt als Schlachtfeld im Kampf Gut gegen Böse dar, wobei das Böse als Siegerin bzw. Sieger praktisch von Anfang an feststeht. Dieser düstere Blick auf die Welt beeinflusst Menschen. Bei manchen erzeugt er Stress und Angst: Wie lebt die Person mit diesem negativen Weltbild, der Angst und Hilflosigkeit, dem Ärger darüber, dass niemand zuhört, wenn sie versucht zu warnen, oder der Erfahrung, dass Freundinnen und Freunde, das soziale Umfeld, sich abwenden?
  • Welche Auswirkungen haben Verschwörungstheorien auf das Leben der Person? Ziehen sich Freundinnen und Freunde zurück? Entstehen berufliche oder private Nachteile daraus? Hat sich ein suchtähnlicher Medienkonsum entwickelt? Sprechen Sie es an, wenn Sie den Eindruck haben, dass die Person ängstlicher, gestresster, pessimistischer geworden ist, seit sie sich mit Verschwörungstheorien befasst.
  • Verschwörungstheorien sind auch Geschäftsmodelle. Es gibt Personen, die sehr gut davon leben, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Darauf hinzuweisen kann sinnvoll sein: Wem nützt die Verschwörungstheorie? Wer profitiert von der damit erzeugten Angst? Wer verdient möglicherweise Geld mit dem Schüren von Ängsten und Ressentiments?
  • Verschwörungstheorien initiieren keine konstruktiven politischen Bewegungen, erzeugen kein Empowerment. Meistens stellen sie nicht einmal konkrete Forderungen auf. Fragen Sie die Person nach Lösungsvorschlägen: Was ist aus deren Sicht die gesellschaftliche Lösung für das Problem? Was unternimmt die Person selbst konkret, um sich und andere zu schützen? Und welche Handlung wird eigentlich von Ihnen erwartet?


Das Ziel der Auseinandersetzung

Das Ziel dieser Gespräche ist, die Weltsicht der Angehörigen zu verstehen sowie deren Motivation und die zugrunde liegende positive Absicht. Durch das Feststellen der Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen in den Haltungen wirken Sie Schwarz-Weiß-Bildern und spaltenden Tendenzen von Verschwörungstheorien entgegen. Sie regen einen Perspektivenwechsel an und laden dazu ein, die Welt wieder in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Sie wirken selbst als Modell, wie eine respektvolle Begegnung und konstruktive Kommunikation gelingen kann, auch wenn Sie unterschiedliche Ansichten vertreten.

Doch selbst wenn Ihnen das alles gut gelingt, bleibt Ihr Einfluss darauf beschränkt, Impulse und Denkanstöße zu geben. Sie können Umdenkprozesse zwar fördern, aber nicht erzwingen. Effekte zeigen sich, wenn überhaupt, oft erst über einen längeren Zeitraum hinweg. Wir empfehlen Ihnen, die Erwartungen nicht zu hoch zu setzen und mit Ihren eigenen Kräften sorgsam umzugehen.


Merkmale von Verschwörungsanhängern :

Auch die Fachzeitschrift SPEKTRUM machte sich in einem Artikel (Spektrum Ausgabe vom 21.02.2017) auf die interessante Suche nach den Merkmalen von Verschwörungsanhängern :

Wer das Gefühl hat, nicht dazuzugehören, sucht stärker nach dem Sinn des Lebens – und verfällt dank einer fehlgeleiteten Sinnsuche Verschwörungstheorien eher.

Und zwar haben Damaris Gräupner und Alin Coman von der Princeton University ein weiteres Puzzleteil gefunden, das die so genannte »Verschwörungsmentalität« besser zu erklären vermag: Wer sich vom Sozialleben ausgeschlossen fühlt, will eher einen Sinn im Leben finden, und diese Sinnsuche verstärkt den Glauben an Verschwörungstheorien.


Verschwörungsmentalität

In Gehirn&Geist 09/2016 wurde diese Verschwörungsmentalität ausführlich beschrieben und welche Persönlichkeitsmerkmale die »Geheimniswitterer« auszeichnen. So hegen abergläubische Menschen meist Vorurteile gegen Personen mit hohem gesellschaftlichem Status wie Banker oder Politiker und finden in zufälligen Anordnungen häufiger Muster beziehungsweise unterstellen Zusammenhänge, wo keine sind (zum Beispiel »Das große rote Dreieck versucht, dem kleinen blauen Angst einzujagen«). Wie Kolumnist Adrian Lobe schreibt, haben Menschen ein gewisses Bedürfnis nach Fake News – und wohl auch nach Verschwörungstheorien. Dass dieses Bedürfnis davon herrühren könnte, dass Menschen vermehrt nach der Bedeutung hinter ihrer gefühlten Außenseiterposition suchen, konnten Gräupner und Coman nun in einer Korrelations- und einer experimentellen Studie zeigen.

Außenseiter wollen Sinn finden

Am ersten Teil der Studie nahmen 119 Personen teil. Sie mussten zu Beginn eine für sie unangenehme Begebenheit beschreiben, an der ein oder mehrere enge Freunde beteiligt waren. Danach gaben sie an, wie sie sich gerade fühlten. Dabei wurde auch das Gefühl der Ausgeschlossenheit abgefragt. Außerdem gaben sie an, wie stark sie sich in ihrem Leben nach Bedeutung sehnten (sie mussten beispielsweise bewerten, wie sehr sie der Aussage »Ich suche nach einem Lebensziel oder Lebenszweck« zustimmten). Zuletzt fragten die Forscher, wie sehr sie an drei Verschwörungstheorien glaubten, wie etwa, dass die Regierung versucht, Bürger durch Botschaften unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle zu beeinflussen. Laut der Datenanalyse der Forscher suchten Versuchspersonen, die sich nach der unangenehmen Erinnerung ausgeschlossen fühlten, stärker nach dem Sinn des Lebens – und das führte in der Folge auch dazu, dass sie dem Sog der Verschwörungstheorien stärker anheimfielen. Um die Ergebnisse zu überprüfen, führten Gräupner und Coman einweiteres Experiment mit 102 Probanden durch und konnten denselben Effekt feststellen. Die Studienteilnehmer wurden in Dreiergruppen ins Labor gebeten. Alle mussten sich zuerst selbst beschreiben, dann wurde ihnen vorgegaukelt, diese Beschreibungen würden von den anderen beiden Versuchspersonen bewertet und auf dieser Basis würde ein Team gebildet. In Wahrheit legten aber die Forscher fest, wer ins Team kam und wer nicht. Die Kontrollperson erhielt keine Informationen über die Gruppenzusammensetzung.

Tatsächlich fühlten sich jene Personen, die nicht ins Team gewählt wurden, stärker ausgeschlossen – und suchten vermehrt nach Bedeutung in ihrem Leben. Sodann sollten die Probanden drei Szenarien bewerten, in denen eine mehrdeutige Situation beschrieben wurde, und angeben, ob das Glück oder Unglück des Protagonisten durch eine Verschwörung hinter seinem Rücken zu Stande gekommen war. Daran glaubten die Ausgeschlossenen auch diesmal eher als diejenigen, die ins Team gewählt worden waren.

Die Forscher warnen, es könne zu einem Teufelskreis führen, wenn sich Personen ausgegrenzt und vernachlässigt fühlen: Wenn diese dann verrückten Verschwörungstheorien verfallen, werden sie noch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Bei der Suche nach Gleichgesinnten mit ebenso stark ausgeprägtem Aberglauben werden ihre Überzeugungen in Bezug auf Echsenmenschen, Terroranschläge oder Chemtrails zunehmend zementiert. »Der Versuch, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wäre die beste Idee, um Verschwörungstheorien in der Gesellschaft auszumerzen«, meint Coman. Das könnte zum Beispiel dadurch geschehen, dass diese Personen gezielt wieder ins gesellschaftliche Leben eingebunden werden. »Sonst könnten diese Gemeinschaften noch anfälliger dafür werden, falsche und verschwörerische Überzeugungen zu teilen.« Ob Inklusionsbemühungen auch gegen die Bekämpfung von Fake-News helfen könnten, bleibt derweil abzuwarten.


Die Freimaurerei, Desinformationen und das digitale Zeitalter:

Die Freimaurerei wird auch immer wieder im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien genannt.

Durch das Internet sind die Informationen über die Freimaurerei ins völlig Unüberschaubare angewachsen, durch Texte von Institutionen und Personen, von „regulären“ und „irregulären“ Freimaurern, von Nichtfreimaurern und auch von ehemaligen Freimaurern.

Freimaurer-wiki.de sagt in einem Traktat von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann (Redner der Großloge AFuAM von Deutschland, Beitrag zum Großlogentreffen in Osnabrück, 15. Mai 2015) – „Freimaurerei im digitalen Zeitalter“:

Die Internet-Darstellungen zur Freimaurerei beinhalten seriöse Informationen, sie geben Resultate der Freimaurerforschung wieder, und sie machen seltene Quellen zugänglich. Die Internetdarstellungen transportieren aber auch freimaurerisches Halbwissen sowie alte und neue Fantasie- und Verschwörungswelten, auf die die Freimaurer und ihre Institutionen angemessen zu reagieren haben. Eine Fülle von Texten und Filmen im Youtube-Format – versammelt in der Regel um die alten Stichworte: „antichristlich“, „okkult“ (zuweilen bis hin zum Vorwurf des Satanismus) und „politisch-verschwörerisch“ – propagieren pausenlos die Gefährlichkeit der Freimaurerei.

Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die Freimaurerei durch das Internet auf noch nie da gewesene Weise der Macht der bunten und bewegten Bilder ausgesetzt ist. Freimaurerfilme im You-Tube-Format – oft solche antimasonischen Inhalts – geistern durch das Netz und ziehen Betrachter an. Die Titel und Bezeichnungen dieser Filme sprechen für sich selber.

“Wer regiert die Welt? – Juden? Zionisten? Illuminaten? Freimaurer?; “Welterobenrungspläne der Aufklärer: Freimaurer und Illuminaten“; „Wer die Welt wirklich regiert: Über Illuminati, Freimaurer, Bilderberger 4 “.

Ist das schon problematisch genug, so wird es nur selten besser, wenn Freimaurer mit eigenen Filmen oder mit einem allzu unbedachten „Sich-Filmen-Lassen“ darauf zu reagieren versuchen. Film ist ein „ritualsüchtiges“ Medium, das mit großer Vorsicht gehandhabt werden muss. Wenn Freimaurer sich in rituellen Kontexten in Logenräumen und maurerisch bekleidet filmen lassen, zur Aufklärung der Öffentlichkeit wie sie meinen, in bester Absicht also, dann müssen sie dennoch immer damit rechnen – dies ist durch viele Beispiele belegt –, dass die Produzenten der Filme die Beiträge der Freimaurer in düstere Kontexte rücken und dass die so entstehenden Mixturen höchst widersprüchlich angekündigt und kommentiert werden.

So heißt es etwa in der Einleitung des von Arte im Rahmen der dreiteiligen Serie „Geheimbünde“ aus dem im Januar 2014 gesendeten, vom ZDF bei terraX wiederholten und noch über Youtube verfügbaren Freimaurerfilms „Die Erben der Templer“:

„Rund vier Millionen Freimaurer gibt es auf der Welt, wohl kein anderer Geheimbund hat mehr Mitglieder. Und doch weiß niemand genau, was in den Tempeln der Freimaurer geschieht. Bei ihrem bizarren Aufnahmeritual müssen die Logenbrüder ein Schweigegelübde ablegen. Wer es bricht, wird bestraft … Aber was fasziniert an dem Geheimbund? Gelangt man im Tempel tatsächlich zu geheimem Wissen? Und warum dürfen die Freimaurer nicht über die Tempelarbeit sprechen – wenn sie doch nur der Humanität dient, wie die Mitglieder behaupten? … Und diese „Geheimniskrämerei“ ist es, die die Verschwörungstheorien nährt.“


Unser Bruder von der Großloge gibt uns hier einen Hinweis, dass nach seiner Meinung die Einbeziehung der Freimaurerei in diverse Verschwörungstheorien ihren Ursprung auch in der teilweisen Abschottung der Freimaurerei von der Öffentlichkeit zu suchen ist.

In einem Text der Freimaurerloge Badenia heißt es: „Im Gegensatz zum europäischen Kontinent gibt es in den Mutterländern der Freimaurerei (England) und der Demokratie (Amerika) in der Bevölkerung keine Vorurteile gegen die Freimaurer. Die Freimaurerei konnte sich dort ungehindert, teilweise als Massenbewegung, zum Wohle der Menschen entwickeln. Unsachliches Halbwissen war dagegen schon immer ein fruchtbarer Nährboden für blühende Phantasien über das „Treiben“ der Freimaurer. Diese Phantasien haben sich in jenen Bevölkerungskreisen erhalten, die sich nicht um sachliche Information bemüht haben.“



4 (Die Bilderberg-Konferenzen sind informelle Treffen von einflussreichen Personen aus Wirtschaft, Politik, Militär, Medien, Hochschulen, Hochadel und Geheimdiensten, bei denen seit 1954 Gedanken über aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen in den Niederlanden ausgetauscht werden.)


Fazit

Es klingt daher, entsprechend der Recherchen, sinnvoll, sich als Freimaurer weitestmöglich gegenüber Interessierten zu öffnen, dabei so offen wie möglich mit freimaurerischen Inhalten umzugehen und sich auch bei diesem Thema entschieden und klar entsprechenden Verschwörungstheorien entgegen zu stellen!



Weitere Informationen

Detaillierte Informationen zu Fehlinformationen finden sich z.B. auf diversen Faktencheck-Seiten im Internet:


Quellen

Quellen zu diesem Vortrag waren, wie zum Teil schon zuvor aufgeführt, unter anderem:

Lüge und Wahrheit - Die Macht der Information - ZDF – Verschwörungstheorien

(https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/luege-und-wahrheit-die-macht-der-information--verschwoerungstheorien-100.html)

Bericht der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen zum Thema Verschwörungstheorien 2021

Vom Bundeskanzleramt Österreich

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwjf9KCT2aOEAxWc8wIHHVjxC5wQFnoECA0QAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.bundeskanzleramt.gv.at%2Fdam%2Fjcr%3A5dcdd35e-2fc2-4a6a-9c81-75aa9ace0727%2Fsonderbericht_phaenomen_verschwoerungstheorien_in_zeiten_covid_pandemie.pdf&usg=AOvVaw1aO1k77i7hu8zsthW65N3T&opi=89978449

The Debunking Handbook 2020 (Das Entlarvungs-Handbuch) (Boston University)

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjw1KGt2qOEAxVe1AIHHdLlDc0QFnoECBYQAQ&url=https%3A%2F%2Fopen.bu.edu%2Fhandle%2F2144%2F43031&usg=AOvVaw0v_MYrxKmKsQ-dt5uxO4hx&opi=89978449

https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon

Freimaurer-wiki.de, Traktat von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann

Freimaurerei im digitalen Zeitalter


Siehe auch

  • Angewandte Freimaurersymbolik & -lehre im realen Leben - Eine der wesentlichen Bestandteile der modernen Freimaurerei sind Symbole. Symbole erreichen Menschen auf einer emotionalen Ebene, wo der reine Verstand nicht hinlangt - Menschen sind schließlich immer Ratio und Emotion.