Relief-Arbeitstafel

From Freimaurer-Wiki

Relief-Arbeitstafel

Gemeinschaftsarbeit der Brüder Frank von Wartensee und Jens Rusch.

In Arbeit: Kalksandstein-Relief als Modell von Br Frank von Wartensee.

Ziel ist es, eine ertastbare, dreidimensionale Arbeitstafel-Miniatur für blinde und seheingeschränkte Schwestern und Brüder zu erschaffen. Dieses haptische Modell soll über Spenden und möglicherweise über die Veräußerung von Miniatur-Bronzen refinanziert werden. Es ist eine Version im Format ca. DIN A3 in Kunststoff oder Aluminiumguss für den Gebrauch in Logen geplant, in denen einer oder mehrere blinde Schwestern oder Brüder arbeiten. Zur Refinanzierung wird es auch frei erwerbbare Bronze-Ausführungen geben.

Ölgemälde von Br Jens Rusch als Vorlage.
Arbeitstafel in Arbeit. Kalksandstein-Relief von Br Frank von Wartensee.

Blind im Ritual

von Br Alexander Walter


Nimmt man blind an einem freimaurerischen Ritual teil, so bringt dies gewisse Besonderheiten mit, die nicht direkt augenscheinlich werden. Wir gehen grundsätzlich als Ungleiche in die Tempelarbeit, wohl aber beispielsweise durch unsere Kleidung betont als Gruppe. Gemeinschaftlich erleben wir unsere Individualität in der Auseinandersetzung mit den immer gleichen Ritualen, umgeben von Menschen mit ähnlichem Habitus. Wir befinden uns in einem Raum und in einer Zeit, die so bewusst gestaltet sind, dass nichts in ihnen Zufall ist. Alles hat seinen Platz, alles hat eine oder mehrere Bedeutungen. Freimaurerei kann nur stattfinden, wenn sich die Individuen, die sich zu einer Loge zusammengefunden haben, aktiv mit dem Ritual und seinen Inhalten auseinandersetzen. Und zwar, indem sie es praktizieren. Warum ist ein Symbol hier oder dort? Wofür steht es? Wo ist es noch? Was bedeutet es?

Wie man das Ritual lebt und erlebt, wie man sich mit ihm befasst, wie man es begreifen kann, lehren uns die erfahrenen Brüder Meister. Kommt man nun als Blinder zur Loge, so tritt man mit einer Art gesteigerten oder besonderen Individualität an. Ein anderer Erkenntnisapparat als der Durchschnittliche, an mancher Stelle mit reduzierten, an anderer Stelle aber durchaus auch mit erhöhten Erkenntnismöglichkeiten, wird mitgebracht. Das stellt dann auch die erfahrenen Brüder Meister vor gewisse Schwierigkeiten in der Erläuterung ritueller Inhalte. Kaum ein Bruder oder eine Schwester scheitert an mangelnder Empathie oder Perspektiveübernahmefähigkeit. Der Wille zur Hilfsbereitschaft ist weit verbreitet. Ebenso wie der Wille diese besondere Herausforderung anzunehmen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass man jedem Interessierten die königliche Kunst begreiflich machen kann. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass man dabei, so unveränderbar das Ritual auch ist, idealerweise stets einen individuellen Vermittlungsansatz verfolgen sollte.

Das Ritual zu erleben, ist nonvisuell absolut kein Problem. Es ist so reich an nicht sichtbaren Eindrücken, an gesprochenen Worten, an Handlungen, an Musik, an Gerüchen und Geräuschen, an Fühlbarem, an Spür- und Greifbarem, dass das Licht in ihm auch Schönheit verbreitet, wenn es nicht gesehen wird. Das Leben, das einem das Ritual einhaucht, kann man ohnehin nicht sehen. Der performative Charakter des Rituals, sowie die Tatsache, dass es seine Sinnlichkeit über alle Sinne entfaltet, bedingen, dass man es nicht sehen muss. Ohnehin geht es nicht darum, die Weisheit, Stärke und Schönheit des Rituals wahrzunehmen. Es geht darum sie zu erkennen. Denn das Ritual mag performativ und sinnlich sein, aber nie wird es zu einer Art unbeteiligtem Theaterbesuch einladen. Vielmehr muss man partizipieren am Ritual, kognitiv, affektiv und sich verhaltend. Nur so kann man vom Sehen zum Sehen, von der Wahrnehmung zur Erkenntnis, vom Zuschauen zum Erleben kommen.

Und dennoch standen meine Brüder und ich in der Freimaurerei vor der Frage, wie ich mir den Tempel als Raum erschließen, erarbeiten sollte. Denn so unzweifelhaft es ist, dass man das Ritual nicht sehen muss, um es zu erleben, so unzweifelhaft ist auch, dass man eine Vorstellung von dem Raum haben sollte, dem Tempel, indem es stattfindet. Raum, Zeit und Handlung des Rituals können nur verstanden werden, wenn sie gemeinsam erfasst werden. Ich erfuhr reichlich Hilfe dabei, mir unsere rituelle Wirkungsstätte vorstellbar zu machen. Bruder Günter traf sich gar 3 mal mit mir im ungeweihten Tempel, um mir Gegenstände, Abbildungen, Anordnungen, Positionen und Bezüge erfahrbar zu machen. Und Bruder Christoph bastelte mir gemeinsam mit seinen Töchtern unseren Arbeitsteppich in einer tastbaren Variante, damit ich ihn in Ruhe zu Hause nachvollziehen konnte.

Blind vor der Arbeitstafel

Der Tapis, der Arbeitsteppich oder die Arbeitstafel sind im freimaurerischen Ritual nicht nur sprichwörtlich von zentraler Bedeutung. Auf der Arbeitstafel finden sich wesentliche Symbole in spezifischer Ordnung abgebildet und sie findet sich in der Mitte der Loge. Im Rahmen besonderer Tempelarbeiten und bei manchen Instruktionen kann man ihr Werden, ihre Entstehung, die maurerische Kosmogenese, Schritt für Schritt nachvollziehen. Die Symbole, die auf ihr abgebildet sind, wie deren Ordnung, werden rituell und außerrituell besprochen und erklärt. Streng genommen muss man also auch die Arbeitstafel nicht unbedingt sehen. Man kann sie hören. Wie sie gestaltet ist und aussieht, wird einem auch als blinder Mensch automatisch deutlich werden.

Man kann also nicht unbedingt sagen, dass es eine große Hürde darstellen würde, sich die Arbeitstafel als Blinder vorstellen zu können. Aber hier muss man genauer hinsehen. Denn es fragt sich auch wie, unter welchen Umständen, mit welchem Ziel, wann und warum. Und dazu muss man auf die Gleichzeitigkeit der Sinneseindrücke im Ritual abheben. Wir sind uns einig darüber, dass das Betrachten von Arbeitsteppichen in Büchern, deren Studium, deren Vergleich zwischen den unterschiedlichen Lehrarten zwar interessant und lehrreich sein kann, dies aber keineswegs gleichbedeutend mit dem Erlebnis der Arbeitstafel im Kontext des Rituals ist. Ersteres schafft abstrakten Sinn, zweiteres konkreten Sinn. Die Herausforderung als blinder Mensch im Ritual - andere blinde Menschen mögen dies anders empfinden - besteht für mich darin, die große Menge an visuellen Stimuli, die dargeboten werden, vor dem inneren Auge präsent zu halten. Jedes einzelne Element, dass sich in den Gesamtkontext "Bild des Tempels" einfügt, kostet Energie in Form von Vorstellungskraft. Damit auch Konzentration, Fokussierung, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

Das soll kein Grund zur Klage sein. So sollte man dem Ritual prinzipiell begegnen. Mit Vorstellungskraft, konzentriert, fokussiert, aufmerksam und achtsam. Allerdings muss man dabei darauf achten, sich nicht zu überfordern. Während dem sehenden Bruder bestimmte Assoziationsmöglichkeiten durch die Gleichzeitigkeit der Sinneseindrücke gegeben sind, dadurch, dass eine Symphonie von Reizen über alle Sinneskanäle synchron gespielt wird, muss der blinde Bruder das Sichtbare selber kreieren. Gängig ist dabei der Weg via verbum innerlich zu visualisieren. Worte gemalt mit dem Pinsel der Sprache haben ein Bild geformt, das in der Erinnerung angeschaut werden kann.

Vorstellungs- und Erinnerungskraft werden also bemüht, damit sich ein blinder Mensch den visuellen Kontext, den die sehenden Brüder vor Augen haben, vergegenwärtigen kann. Und diese Vergegenwärtigung ist entscheidend, schließlich ist das Ritual insgesamt eine Sache der Vergegenwärtigung. Es macht nun einen entscheidenden Unterschied, ob ich mir die Arbeitstafel als ein Element oder als ein Objekt aus vielen Elementen vor das innere Auge führe. Insgesamt habe ich bereits ein Bild des Tempels mit sehr vielen Gegenständen und Abbildungen, mit Säulen, Kerzen, Leuchtern, Stühlen, Brüdern, Pulten, Stäben, Sternen, Schwertern, Winkeln, Zirkeln, heiligen Schriften, Abzeichen, musivischem Pflaster und einigem mehr zu produzieren. Wenn ich in dieses Bild nun eine Arbeitstafel in all ihrer Komplexität einfügen möchte, mit allen Symbolen, die auf ihr dargestellt werden, dann führt mich das an den Rand meiner Möglichkeiten. Einfacher ist es da, sozusagen die bequeme Variante, sich einfach nur einen Teppich vorzustellen. Das aber bedeutet durchaus Verlust. Verlust an Schönheit, Verlust an Sinn.

Haptialisierung

Und nun könnte es einen Ausweg aus diesem Dilemma geben. Seit einigen Jahren gibt es die Idee eine Arbeitstafel in einer 3-dimensionalen Form anzufertigen, so dass sie sich taktil erfassen lässt. Die Künstler und Brüder Jens und Frank haben sich dieser Herausforderung der Haptialisierung angenommen. Ihre Arbeitszeit und ihren Ideenreichtum stellen sie unentgeltlich zur Verfügung, um ein entsprechendes Modell zu entwerfen, dass in einer späteren Phase des Projektes auch in Serienproduktion gehen könnte. Dafür bedanke ich mich stellvertretend für alle blinden und seheingeschränkten Brüder, die einmal von diesem Schaffen profitieren werden.

Ich bin sicherlich der falsche, um die komplexen Arbeitsschritte, die dabei erforderlich sind und sein werden, gut zu erklären. Von befreundeten Künstlern, Handwerkern und 3-D-Druckern ist mir aber bekannt, wieviel Zeit und Mühe sie in Anspruch nehmen. Es braucht gute graphische Computerdarstellungen, adäquate Formen aus geeigneten Materialien und passende Gussverfahren. Und dann sind selbstverständlich noch immer die Materialkosten zu stemmen, wie auch diejenigen für die Arbeitsschritte, die wir nicht selber leisten können. Kurzum, eine Unterstützung in dieser Angelegenheit wäre uns willkommen.

Entstehen soll letztendlich eine 3-dimensionale Arbeitstafel im A3-Format. Vermutlich zunächst aus Aluminium gegossen. Diese können blinde Brüder dann während der Teppicherklärungen, bei Instruktionen oder Tempelarbeiten auf dem Schoß stereognostisch tastend nutzen, um sich ihr Bild vor das innere Auge zu holen. Ich freue mich darauf, wenn sich diese Möglichkeit ergeben hat. Im Ritual via verbum visualisieren und per künsterisch gestaltetem Modell gleichzeitig zu haptialisieren, wird sicherlich eine wunderbare Erfahrung.

Langfristig ist geplant, dass das entstehende Modell in verschiedenen Materialien gegossen werden kann. Einerseits in einem, das eine möglichst kostengünstige Herstellung ermöglicht, wie beispielsweise Aluminium. Andererseits aber auch in einem, dass eher einem ästhetischen Anspruch genüge tun kann, wie beispielsweise Bronze. So könnten die Relief-Arbeitstafeln zum einen als Tastmodelle dienen, zum anderen aber durchaus auch als Wandschmuck Verwendung finden. Die Arbeitstafeln werden eine Hilfe für blinde Brüder sein, da bin ich sicher. Auf das Ergebnis bin ich gespannt.

Siehe auch

Links