Rezension: Christian Jacq - Der Mönch und der Meister - Roman
Originalausgabe 1985 in französischer Sprache unter dem Titel „Le Moine et le Venerable“.
Übersetzung von Riek Walther 1998. Neuausgabe 2025 im Salier Verlag.
Eine Rezension von Rudi Rabe.
► Gute Zusammenfassung auf dem Einband des Buches:
Frankreich, 1944. Ein Mönch und ein Freimaurer – Fremde, Gegner, Gefangene. In einer Festung der SS sind sie zum Schweigen verurteilt. Doch als die Gefahr wächst, müssen sie gemeinsam handeln – oder untergehen. Ein packender Roman über Menschlichkeit im Schatten des Bösen.
► Mein persönliches Leseerlebnis:
Spannend wie ein Kriminalroman, auch wenn es keiner ist. Die Täter stehen nämlich schon nach wenigen Seiten fest: die Nazis und vor allem der Kommandant einer SS-Einheit, die ein Konzentrationslager im Irgendwo führt und bewacht. In dieses Lager werden der Stuhlmeister einer französischen Loge eingeliefert; gemeinsam mit mehreren Brüdern. Es ist das aber nicht irgendeine Loge, sondern eine ganz besondere, im Roman heißt sie „Erkenntnisloge“, eine Loge, von der eine besonders abergläubische Fraktion der SS glauben will, sie bewahre übernatürliche Geheimnisse, die den Deutschen helfen könnten, den Krieg und überhaupt die Zukunft zu gewinnen. Ähnliches glaubt sie von einem Benediktiner Abt, der ebenfalls in diesem Konzentrationslager festgesetzt ist. Und das sind also die Hauptdarsteller in diesem wirklich spannenden Roman: der Mönch und der Meister, die dem Buch den Titel geben, und daneben auch der SS-Lagerkommandant. Dieser versucht immer wieder, den beiden ihr übernatürliches Wissen zu entreißen, ihr nach seiner Ansicht für die Nazis essenzielles Geheimnis. Und das in einem fast täglichen streng kommandierten Kommunikations-Kleinkrieg, in dem der Mönch und der Meister als Gejagte zwar aufeinander angewiesen sind, aber auch nicht so recht wissen, wie weit sie einander vertrauen können.
Dies ist das Grundmuster dieses tollen Romans, angereichert mit vielen Details, vor allem was die den Meister begleitenden Brüder seiner Loge betrifft. Das Geschehen geht über 270 Seiten, in denen die Spannung – ich wiederhole mich – wie in einem Kriminalroman bis zum Schluss aufrecht erhalten wird. Natürlich soll hier das Ende nicht verraten werden.
Das Buch wendet sich an alle, die gern spannende fiktionale Literatur lesen. Ich vermute aber, dass es Freimaurer am besten erreicht, weil im Ablauf der Handlung immer wieder Details vorkommen, die man nur als Freimaurer oder Freimaurererin wirklich verstehen kann. Inwieweit das auch für sogenannte profane Leser gilt, kann ich nicht abschließend einschätzen, da ich diesbezüglich vorbelastet bin. Aber es kann ja durchaus sein, dass solche Leser in einer etwas anderen Weise genauso erreicht werden, weil die Story immer wieder Einblicke in freimaurerisches Denken und masonische Gebräuche bietet.
► Geschichtlicher Hintergrund:
Wie auch in anderen Werken verbindet der Autor Christian Jacq in diesem Roman sehr gut erzählte Fiktion mit historischen Tatsachen. Letztere behandelt er am Beginn des Buches in einem dreiseitigen Vorwort, aus dem im folgenden Absatz weitgehend wörtlich aber deutlich verkürzt zitiert wird:
Die Ideologie der Nationalsozialisten wollte eine neue Form von Religion und Kultur begründen. Darum mussten alle vorausgegangenen Glaubensrichtungen ausgelöscht werden. Dennoch wollte man von Ihnen vorher noch profitieren. Daher veranlasst die von SS-Chef Heinrich Himmler gegründete Forschungsgesellschaft „Ahnenerbe“ die Festnahme von Wahrsagern, Astrologen und Magiern, um diesen ihre Techniken zu entlocken. Priester und Geistliche wurden festgenommen, und auch manche Freimaurer waren betroffen. In Frankreich erhielt der deutsche Sicherheitsdienst die Aufgabe, Treffpunkte von Freimaurern zu umstellen, ihre Archive und Rituale aufzudecken. Manche Logen betraf das besonders. In unserer Erzählung haben wir eine, die dem „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ angehört, „Erkenntnis“ genannt. Über viele Jahre hinweg wurde sie von einer beeindruckenden Persönlichkeit geleitet. Diese hat mir davon erzählt, was ein Freimaurer und ein Benediktinermönch, deren Wege sich in der Deportation kreuzten, gemeinsam erlebten. Alles trennte sie, alles stand zwischen Ihnen, und doch mussten sie in der Hölle eines Konzentrationslagers miteinander leben und überleben. So kamen sie einander näher. Der Roman schildert, welchen unmenschlichen Prüfungen sie sich stellen mussten. Ihre Begegnung hat tatsächlich in einem Rahmen stattgefunden, der dem in diesem Roman dargestellten vergleichbar ist. Die „Erkenntnisloge“ hat es gegeben, wenn auch unter anderem Namen. Nach dem Krieg war es mir vergönnt, den Mönch und den Meister, die meinen Protagonisten als Vorbild dienten, persönlich kennen zu lernen. Beide weilen heute nicht mehr unter den Lebenden. Darum darf ich das Schweigen brechen.
