Traktat: "Wege eines Freimaurers" von Gerd Carlson

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Gerd Carlson, JL "Friederike zur Unsterblichkeit" i.O. Stade

Vortrag anlässlich des Klubabends mit Gästen am 18. November 2022

Liebe Brüder,

mein heutiger Vortrag trägt den Titel

"Wege eines Freimaurers"

und soll euch aufzeigen, wie sich ein Weg zur Freimaurerei vollziehen kann.

Dabei muss man wissen, dass diese Wege durchaus unterschiedlich sein können. Jeder von uns Brüdern wird Ihnen dazu eine andere Geschichte erzählen können.

Bei meiner Geschichte handelt es sich um einen Bruder, der vor fast 100 Jahren, im Mai 1923, in unsere Loge aufgenommen wurde. Sein Name ist Dr. Reinhold Müller, dessen Name mir bei der Recherche und Erstellung unserer Chronik anlässlich des 170 jährigen Bestehens unserer Loge quasi über den Weg gelaufen ist und mich aufhorchen ließ

Vorgeschichte

Aber dazu gehört ein kleine Vorgeschichte:

Meine Aufnahme zum Freimaurer in meiner Mutterloge, der "Ditmarsia" in Brunsbüttel auf der anderen Seite der Elbe, , liegt 40 Jahre zurück. Der damalige Logenmeister, der mich aufgenommen hatte, hieß Dr. Wolfgang Dahme und war Werksleiter der Kali Chemie AG, die es damals noch gab.

Im Laufe der Jahre erwähnte er oft seinen Schwiegervater, der damals schon dem Freimauererbund über sechzig Jahre angehörte und der im Freimaurerorden Karriere gemacht hatte. Sein Name war Dr. Reinhold Müller. Und über seinen Schwiegervater hat auch Br. Wolfgang Dahme, mein damaliger Logenmeister den Weg zur Freimaurerei gefunden.

Erst viel später - vor etwa 10 Jahren - begegnete mir der Name Dr. Reinhold Müller erneut, und zwar im Rahmen unserer Arbeiten im Chronik-Ausschuss.

In unseren Unterlagen tauchten Dokumente aus dem Jahre 1977 auf, in denen über das 200 jährige Bestehen der Freimaurerei in Stade berichtet wurde. Es gab auch einen Brief von Dr. Reinhold Müller - damals 82jährig - , in dem er seine Verbindung zur "Friederike zur Unsterblichkeit" schilderte und seinen Besuch zu diesem besonderen Ereignis im Jahre 1977 ankündigte.

Natürlich erinnerte ich mich jetzt wieder im Rahmen der Arbeiten an der Chronik an den Namen Dr. Reinhold Müller und nahm Kontakt zu seiner Tochter Dr. Irmtraud Dahme in Brunsbüttel auf, die in diesem Jahr 95 Jahre alt wird. Einmal jährlich anlässlich der Weihnachtsfeier der Loge "Ditmarsia" in Brunsbüttel sehen wir uns und pflegen Kontakte. Ich berichtete Ihr von unseren Arbeiten an der Chronik und von den Briefen, die aufgetaucht waren In diesem Zusammenhang erwähnte sie, dass ihr Vater Lebenserinnerungen geschrieben habe, auch über die Zeit seiner beruflichen Station in Stade und seine Aufnahme in die "Friederike zur Unsterblichkeit" in Stade im Jahre 1923.

Als ehemalige Oberstudiendirektorin hatte sie mir diese Lebenserinnerungen ihres Vaters überarbeitet zur Verfügung gestellt, die die damalige politische und wirtschaftliche Situation im Deutschland sehr anschaulich beschreiben und dabei auch die örtliche Gegebenheiten in Stade in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr eindrucksvoll - und humorvoll - einbezogen haben.

Blenden wir zurück in das Jahr 1923 und lassen den Bruder Reinhold Müller erzählen.......

Ich trat meinen Dienst dort an der Mittelschule in Stade an, kurz nachdem ich in Magdeburg mein 2. Staatsexamen für den Schuldienst am Gymnasien abgelegt hatte. Es war eine Zeit des „Assessoren-Überflusses“, nicht nur in meiner Heimatprovinz Sachsen, wo 480 beschäftigungslose Assessoren auf 80 frei werdende Stellen warteten; daher hatte ich mich schon vorher auf eine in der „Schwartzschen Pädagogischen Vakanzenzeitung“ ausgeschriebene Stelle an der Knaben-Mittelschule in Stade (Hannover) beworben und noch vor der Prüfung die schriftliche Mitteilung bekommen, dass ich „zum 1. 1. 1923 einstweilig angestellt sei“. Wegen der mündlichen Doktor-Prüfung im Januar 1923 wurde der Termin auf den 1. 2. 1923 verschoben.

Ich kannte Stade überhaupt nicht; ich hatte so eine blasse Vorstellung, dass es ein Städtchen am Unterlauf der Elbe sei, Sitz eines Regierungspräsidenten. Das war alles! Mein künftiger Rektor hatte mir freundlicherweise ein nettes Quartier besorgt bei einer alten Dame, die mit ihrer auch nicht mehr ganz jungen Tochter ein Einfamilienhaus in der Eisenbahnstraße Nr. 4 bewohnte, und die bei der immer noch herrschenden Wohnungsbewirtschaftung verpflichtet war, einen Untermieter aufzunehmen. Ich machte meinen Besuch bei dieser Dame, Frau von Plate, und fand eine feine, sehr freundliche Gastgeberin aus altem hannoverschen Adel vor. Mit meiner neuen Behausung konnte ich sehr zufrieden sein. Das Zusammenleben gestaltete sich bis zu meinem Abschied aus Stade sehr harmonisch. Jeden Monat wurde ich einmal sonntags zum Mittagessen gebeten; es ging sehr zeremoniell vor sich, wenigstens kam es mir damals so vor: Wir saßen in dem schönen Speisezimmer, das mit seinem großen ovalen Tisch und den hochlehnigen geschnitzten alten Stühlen einen zwar etwas düsteren, aber sehr stilvollen Eindruck einer alten Kultur machte. Die Wände waren mit dunklem Eichenholz getäfelt, auf der Kredenz stand erlesenes Silbergeschirr; ein Mädchen im schwarzen Servierkleide und mit weißem Häubchen bediente untadelig. Zwar nahmen wir drei Esser uns in diesem großen Raum etwas verloren aus, aber es gab immer ein anregendes Gespräch, bis mit einem Likör und einem Tässchen Mokka die Tafel aufgehoben wurde und die beiden alten Damen sich zur Mittagsruhe zurückzogen.

Nur e i n m a l wurde dieses friedliche Zusammenleben erheblich gestört: Als ich eines Mittags von der Schule nachhause kam, flatterte das gnädige Fräulein aufgeregt umher: Der Kachelofen in meinem Zimmer war einer Explosion zum Opfer gefallen! Er wurde mit den dort üblichen Torfsoden geheizt, dabei hatte sich wohl Staub gesammelt, der dann explodierte. Und das ganze Zimmer – Bett, Klavier, Sofa, Schreibtisch, Heftestapel, Bücher…. – alles war mit einer dicken Rußschicht überdeckt! Nun, in wenigen Tagen waren die Spuren beseitigt, ein neuer Kachelofen war ausgemauert, und die Ruhe kehrte im Hause derer von Plate wieder ein.

Mein Schuldienst war in den Monaten Februar und März 1923 bis zum österlichen Versetzungstermin mehr oder weniger Aushilfsdienst. Das Schwierigste war eigentlich das „Geldverdienen“, denn wir steckten mitten drin in einer „Geldaufblähung“ (richtige Übersetzung des Wortes „Inflation“), die in der Geschichte der deutschen Währungen ohne Beispiel war und ist. Wenn man heute (1974) von „galoppierender Inflation“ spricht, dann kann ich nur müde lächeln und auf 1923 hinweisen. Das war damals ein rasender Absturz aller Geldwerte, bis zuletzt die Billionengrenze erreicht war (das ist eine 1 mit 12 Nullen dahinter!). Dabei war ich als „einstweilig angestellter Mittelschullehrer“ noch günstig dran gegenüber meinen Kollegen im Gymnasium: Sie erhielten ihr Gehalt „nachträglich“, während ich „monatlich im Voraus“ bezahlt wurde. Das hatte zur Folge, dass ich alle Nachzahlungen, die mindestens zweimal wöchentlich notwendig wurden, immer im Voraus bis zum Monatsende erhielt, während meine Kollegen am Gymnasium Athenaeum dieselben Nachzahlungen erst nachträglich am Monatsende erhielten, wo sie dann von dem immer wilder werdenden Toben der Inflation überrollt und entwertet wurden. (…) Bargeld zu behalten war sinnlos – es auszugeben war das einzig Vernünftige. Natürlich ging damit Hand in Hand der Verlust aller Sparkonten, aller Geldwerte, aller Versicherungen, aller Wertpapiere und z. T. auch der Hypotheken. Als dann nach dem Plan des deutschnationalen Finanzministers Helfferich durch Gesetz von 13. Oktober 1923 die entwertete Papiermark von der sog. Rentenmark abgelöst wurde, da war tatsächlich der Umrechnungskurs von 1 Billion Papiermark in 1 (eine!) Rentenmark wie ein erlösender Sprung in wieder rein gewordenes Wasser! Mein Monatsgehalt betrug vom 1. Dezember ab ganze 125,- Rentenmark – aber man kam damit wesentlich weiter als vorher! Diese Rentenmark bekamen wir zur Hälfte in sog. „Gold-Dollar-Anweisungen“ ausgezahlt, und diese waren im Handel sehr begehrt! Darum ließ ich mir für 50,- Mark in Gold-Dollar-Scheinen“ einen neuen Frack aus Seide (!) vom Schneider (!) bauen (nebst Weste und Hose!)! So verrückt war die Zeit geworden.

Wozu brauchte ich einen Frack??

Ich war am 18. 5. 1923 in die Stader Freimaurerloge „Friederike zur Unsterblichkeit“ eingetreten. Und dort war es üblich, dass man zu den „Arbeiten“, d. h. zu den offiziellen und rituellen Zusammenkünften, im Frack, mit weißen Handschuhen und Zylinder erschien.

Stade ist ja wirklich ein hübsches Städtchen, damals nur mit geringer Industrie und einer kleinen Garnison, Sitz eines Regierungspräsidenten. Ein malerischer Hafen im Kleinformat, seine Straßen auf beiden Seiten der Schwinge waren gesäumt von alten Renaissance- und Barock-Kaufmanns-Häusern, die von behäbigem Wohlstand zeugten. Es hat auch malerische Reste kriegerischer Bastionen, auf einer Insel im früheren Festungsgraben befand sich ein behagliches Restaurant mit einem kleinen Freilichtmuseum: zwei niedersächsische strohgedeckte Bauernhäuser. Ferner hat Stade zwei schöne Kirchen: Die dicke behäbige St. Wilhadi-Kirche mit ihrem klotzigen Viereckturm, und die schlanke gotische Kirche zu St. Comae et Damiani, deren Turm gen Himmel weist und eine elegante Haube mit zierlicher „Laterne“ trägt. (Beide erinnerten mich an meine Studentenzeit in Greifswald!).

All das war recht nett und freundlich. Aber die S – tader! Sie waren bis an den Hals innerlich zugeknöpft! Da merkte man die frühere Hanseatenzeit, oder auch die Verschlossenheit aus der Schwedenzeit, wo Stade eine schwedische Enklave gebildet hatte. Ein großer weißgetünchter Lagerschuppen am Hafen mit den Initialen des Schwedenkönigs Carl XII erinnerte noch daran. Jedenfalls waren die Stader Honoratioren-Familien argwöhnisch gegenüber jedem „Butenlanner“ (=Ausländer) und dazu zählte ich als Magdeburger ganz gewiss! Natürlich machte ich als junger Doktor meine offiziellen Besuche in Cut und Zylinder bei einer Reihe von Familien, gab die obligatorischen zwei Visitenkarten ab (eine für die „Gnädige Frau“ und eine für den Hausherrn). Dann wurde ich, sofern die Herrschaften im Hause zu sein geruhten, in schöne alte „Salons“ geführt, konversierte meine zehn Pflichtminuten und wurde huldvollst wieder entlassen. Nach einiger Zeit kam dann eine schön stilisierte Einladung zu einem „einfachen Abendessen“ (mit mehreren Gängen!) – und jedes Mal erfolgte dann, in breitestem s-tader Dialekt, die höfliche Frage: „Nun, Herr Assessor, wie haben Sie sich denn in unserem schönen S-tade eingelebt?“ Darauf log man höflich: „Ich finde diese Stadt reizend….“ Oder so etwas Ähnliches. Bis mir dann eines Abends die dumme Höflichkeitslüge widerwärtig wurde und ich , wahrheitsgetreu, aber zum fassungslosen Entsetzen aller Gäste antwortete: „Gar nicht!“

Auf die erschrockene Frage der Gastgeberin, woran das denn liege, sagte ich ihr: „Ich bin Ihnen persönlich dankbar, dass ich hier bei Ihnen gastlich aufgenommen wurde, heute Abend, aber im allgemeinen findet man doch hier in Stade sehr schwer Kontakt, wenn man – wie ich – aus Mitteldeutschland kommt.“ Das war der gesamten Gesellschaft eine neue Offenbarung! Dass ein „Butenlanner“ solch eine ketzerische Bemerkung wagte!

Als ich am nächsten Vormittag auf dem Schulhof meine pflichtmäßige Pausenaufsicht machte, gesellte sich der Gastgeber vom Vorabend, ein sympathischer älterer Kollege, zu mir: „Ich habe mit Interesse Ihr Gespräch mitgehört, welches Sie gestern mit meiner Frau geführt haben. Dass Sie hier nicht leicht gesellschaftlichen Anschluss finden, ist mir jetzt klar geworden. Aber ich könnte Ihnen vielleicht dabei helfen. Ich könnte Sie in die hiesige Freimaurerloge einführen. Ich weiß zwar nicht, was Sie davon halten, das müssen Sie natürlich selbst entscheiden. Aber wenn Sie es sich überlegt haben, dann sagen Sie es mir doch. Wir kommen jeden Freitagabend in unserem Logenhaus zusammen. Ich würde mich freuen, wenn Ihnen unser Kreis gefällt. Es wird Ihnen aber auch niemand übel nehmen, wenn Sie nicht wiederkommen wollen.“ Ich sagte ihm, zunächst mit einigem Zögern, zu.

Als ich dann mit ihm zusammen zum ersten Mal das historische Haus, das wohl aus dem 18. Jahrhundert stammte, betrat, fand ich in dem großen Klubraum eine Anzahl älterer, aber auch jüngerer Herren vor, die sich untereinander mit dem Wort „Bruder“ anredeten; einige von ihnen waren unter denen, wo ich meinen offiziellen Besuch gemacht hatte. Ich wurde dem „Meister vom Stuhl“, einem Senator Delius, vorgestellt und dann weiter herumgereicht. Ein Herr mittleren Alters fiel mir auf: Es war der Stader Stadtkapellmeister, wie sich später herausstellte, mit Namen Fischer. Er war ein überdurchschnittlich guter Geiger, wie es hieß, ein Schüler aus der Meisterklasse von Henri Marteau. Als er von meinem Kollegen hörte, dass ich gut Klavier spielen würde, holte er sein Instrument und setzte mir ein Geigenkonzert von Vivaldi auf das Pult des Flügels. Ich muss mich wohl ganz anständig aus der Affäre gezogen haben, denn er forderte mich auf, öfter mit ihm zu musizieren. Die Abendgesellschaft endete erst nach Mitternacht. Und ich hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, in Stade allein zu sein.

Als damalige – empfehlenswerte! – Sitte hatte die Stader Loge die Gewohnheit, einen Neuling höchstens dreimal zu den sog. Klubabenden einzuladen. Auf diese Weise konnte die Gesellschaft ihn und er sie kennen lernen. Er konnte sich entscheiden, wen er zu seinen Aufnahmebürgen wählen wollte. Ich fand außer dem Kollegen Knoche, der mich eingeführt hatte, noch einen jüngeren Kollegen meiner Schule, Abel, unter den Mitgliedern. So wurde ich – wie schon erwähnt – am 18. Mai 1923, zusammen mit einem 63jährigen Regierungsrat Beck und dem Stader Stadtbaumeister Kessler in diese ehrwürdige Gesellschaft aufgenommen,

Die Stader Loge gehörte zur Altpreußischen Großloge „Royal York genannt zur Freundschaft“, die bis dahin auch Nichtchristen aufgenommen hatte. Jetzt stand sie in der Erwägung, zum christlichen Prinzip zurückzukehren. Es war Sitte, dass ein Bruder Lehrling nur dann Geselle werden konnte, wenn er selbst einen Vortrag in geöffneter Loge gehalten hatte. Mein damaliger Meister vom Stuhl, ein älterer Kollege von der Mittelschule, stellte mir das schwierige Thema: „Die Judenfrage in der deutschen Freimaurerei“. Man bedenke: Es war im Jahre 1923! Und mit der ganzen jugendlichen Unbefangenheit des Sechsundzwanzig-jährigen ging ich, gestützt auf die von der Großloge gelieferten Unterlagen, ans Werk. Mein Vortrag fand offenbar Beifall, ich wurde zum Gesellen aufgenommen. In dieser Zeit besuchte der damalige Großmeister, Prof. Horneffer aus Marburg, unsere Stader Loge, und ich erinnere mich noch heute an eine herrliche Fahrt durch das „Alte Land“ südlich der Elbe mit seinen eindrucksvollen holländischen Siedlungshäusern. Wir hatten mehrere dort ansässige Brüder; sie empfingen uns – wahre Könige in ihrem Reich – in überaus würdiger Form.

Meine sorgloseste Zeit im Freimaurerbund war die Zeit als Bruder Lehrling, Geselle und junger Meister in der Johannisloge „Friederike zur Unsterblichkeit“ in Stade, in die ich am 18. Mai 1923 aufgenommen worden war. …. Die starken Eindrücke dieser ersten Zeit habe ich nie vergessen. Ich fand einen Bruderbund, der mich, den damals Jüngsten in diesem Kreise, mit aller Herzlichkeit aufnahm; und das wollte – bei der norddeutschen Verschlossenheit der Stader Gesellschaft – besonders viel besagen. Gastliche Geselligkeit hielt uns nach den rituellen Arbeiten manchmal bis zum Morgengrauen zusammen.

In Stade spielte die Loge eine beachtliche Rolle: Es war stadtbekannt, dass sie am Freitag jeder Woche zusammen kam. An diesem Tag konnte damals kein Konzert, keine Versammlung des Stadtrats, keine nennenswerte Gesellschaftsveranstaltung stattfinden – denn es war eben: der Tag der Loge!

Es ist bemerkenswert, dass damals die später so hochgespielten Unterschiede der sog. „Lehrarten“ überhaupt keine Rolle spielten! Man wies sich, wie seit alters her üblich, als Bruder Freimaurer aus und war dann sehr bald heimisch im neuen Bruderkreis. ….

Die Logen waren damals einerseits eine „Stelle fröhlicher Geselligkeit“, die zu der Zeit – ohne Rundfunk und Fernsehen (Anm.: und Computer!) – eine viel größere Bedeutung hatte als heute, andererseits bot sie mannigfache Anregungen durch die symbolischen Arbeiten und die dabei gehaltenen Vorträge.

Vor meinem Abschied aus Stade Ende September 1924 erlebte ich noch die eindrucksvolle Arbeit meiner „Erhebung“ zum Johannismeister, die mich sehr berührte. Zum 1. Oktober 1924 wurde ich nach Staßfurt versetzt. Hier schloss ich mich der dortigen Johannisloge „Glückauf zur Einigkeit und Treue“ an. Sie gehörte der „Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln“ an, die ihren Sitz ebenfalls in Berlin hatte. Der Meister vom Stuhl, Br. Dr. med. Crampe, hieß mich herzlich willkommen. Ich trat nicht als Mitglied ein, sondern wurde „Ständig besuchender Bruder“, weil ich meiner Stader Loge treu bleiben wollte.

Soweit die Ausführungen von Br. Reinhold Müller.

Im Jahre 1977 gedachte unsere Loge mit mehreren Veranstaltungen des 200 jährigen Bestehens der Freimaurerei in Stade, denn unsere Vorgänger-Loge "Zum Großen Christoph" wurde 1777 gestiftet. Zu diesem Jubiläum war auch Bruder Reinhold Müller eingeladen. Im Vorfeld schrieb er:

........Es hat mich besonders gefreut, dass ich diese Einladung erhalten habe; ich habe doch am 23. Mai 1923 in dieser Ehrwürdigen Johannisloge das maurerische Licht erhalten, unter der Patenschaft meines Kollegen und Bruders Knoche und der Hammerführung des Ehrwürdigen Meisters vom Stuhl, Bruder Delius. Leider konnte ich aus beruflichen Gründen nur bis zum 1. Oktober 1924 dem dortigen Bruderkreis angehören. Ich habe aber viele schöne und anregende Stunden zunächst im gemütlichen alten Logenhaus und dann im Hotel Birnbaum erlebt und bin dort zum Gesellen und zum Meister befördert worden. Ich erinnere mich noch an die geliebten Brüder Mößler, Abel, Keßler und Fischer, mit dem ich oft und gern zusammen musiziert habe.

Mein beruflicher Weg führte mich dann nach Staßfuhrt, wo ich der Johannisloge "Glückauf zu Einigkeit und Treue" ( 3 WK) als Besuchender Bruder angehört habe und später nach Kiel, wo ich Redner in der Johannisloge "Wiking zur Wahrheit" wurde. 1932 wurde ich in den Inneren Orient Harburg aufgenommen - es war leider meine einzige Arbeit in dieser Erkenntnisstufe, da dann die Hitlerzeit mit ihrer Freimaurerverfolgung ausbrach und 1934 die Kieler Loge und ebenso der Innere Orient die Arbeiten einstellen musste.

Nach dem Zusammenbruch haben wir Brüder von der Wiking-Loge uns mit der Johannisloge "Alma an der Ostsee" ( "Große Landesloge" ) vereinigt, um den gänzlich zerstörten Tempel wieder aufzubauen. Ich half dabei im Amt des Redners und habe im Laufe der Zeit in vielen Ämtern dem Freimaurerbunde dienen dürfen. In die Andreasloge und in das Ordenskapitel "Fortitudo" in Hagen wurde ich aufgenommen, nachdem mich meine Berufung als Oberstudiendirektor nach Bochum geführt hatte. Hier wurde ich Logenmeister der Johannisloge "Helweg", später Wortführender Kapitelmeister und nach der Gründung der "Vereinigten Großlogen von Deutschland" Mitglied des Senats. Dieses Amt bekleidete ich, bis mich die "Höchste Ordensabteilung" des Freimauerer-Ordens 1968 zum Ordensmeister wählte .

Im Jahre 1972 legte ich dieses Amt nieder und bin jetzt "Alt-Ordensmeister" und Mitglied des Ordensrates der "Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland"

Ich habe den Kurzbericht über 54 Jahre eines Freimaurerlebens geschrieben, nicht weil ich mich dessen rühmen will, sondern weil ich den geliebten Brüdern meiner Mutterloge "Friederike zur Unsterblichkeit" sagen möchte, dass das Samenkorn, welches sie damals gelegt haben, doch wohl auf einen fruchtbaren Boden gefallen ist...........

Ein Satz, der mich sehr beeindruckt hat - ein Satz, der durch keinen besseren den Schluss dieses Vortrages hätte ausdrücken können.


Wie schön, liebe Brüder, dass Br. Müller seine Lebenserinnerungen geschrieben hat und uns so ein authentisches Bild der damaligen Zeit und seines Weges zur Freimaurerei vermittelt hat.

Es geschehe also.