Traktat: "Mein lieber Bruder Friedrich Ludwig" von Jens Rusch

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Die Übergabe der Schröder-Statue am 02.02.2023

Mein lieber Bruder Friedrich Ludwig

teurer Freund

da stehst Du nun vor uns in würdiger Haltung und vollem Ornat.

Heute heißt es nun also für uns Beide, Abschied zu nehmen.

Als die Nazis Dich 1934 vom Sockel stießen und zerschlugen, ging es Ihnen weniger um Deine ganz persönliche Bedeutung. Die konnten die Berserker mit ihren Spatzenhirnen gar nicht erfassen. Wie denn auch ? Das ist ja heute selbst eingeweihten Freimaurern auch dann nur schwer in vollem Umfang möglich, wenn sie es denn wollten.

Nach der „Dunklen Zeit“ wurde gelegentlich noch an Dich erinnert. Hier im Logenhaus hängt ein großartiges, zwischenzeitlich schamvoll übermaltes Gemälde und mein Freund und Bruder Rolf Appel hat sich bemüht, Dein Vermächtnis in einer umfangreichen Chronologie aufzuarbeiten. In unserem virtuellen Lexikon „Freimaurer-Wiki“ sind Dir und der dunklen Zeit weit über 130 Seiten gewidmet. Deine wunderbaren Rituale werden in sehr vielen Logen praktiziert und gelegentlich auch in Seminaren aufgearbeitet. Du selbst bist also keineswegs vergessen worden.

Was allerdings vergessen worden ist, hat jedoch genau mit diesem unsäglichen Vorgang im Jahre 1934 zu tun. Es war den Nazis nämlich keineswegs nur daran gelegen, Dich vom Sockel zu stoßen – ihr Schlag galt der gesamten deutschen Freimaurerei.   Demagogie ist ein sehr umfassender und überaus komplexer gesellschaftlicher Vorgang. Hass und Hetze funktioniert über Umdeutung von Werten und macht sich an wenigen Metaphern unauslöschlich fest. Hat sich das verzerrte Bild erst einmal in den Köpfen der Menschen manifestiert, wäre genaugenommen der gleiche Aufwand vonnöten, um das verzerrte Bild zu revidieren.

Damit hätten die Vereinigten Großlogen von Deutschland 1945 beginnen können, so sie es denn gewollt hätten.

Dass das nicht geschah, hat auch damit zu tun, dass sich nicht alle deutschen Logen in den dunklen Jahren ausschließlich an den humanistischen Grundsätzen unseres Selbsterziehungssystems ausgerichtet hatten. Anpassung und Anbiederung an die neuen Machthaber fanden zum Beispiel auch ihren Ausdruck im Bijou des nun umbenannten “Deutsch Christlichen Ordens“, das vier in der Form eines Hakenkreuzes aneinander gelegte Zirkel zeigt. Das ist übrigens meine aktuelle Folgearbeit, nachdem ich Dich wieder habe auferstehen lassen.

Dieses Signet war zunächst einige Jahre nach Kriegsende in den Vitrinen unserer Freimaurer-Museen gezeigt worden, verschwand aber dann irgendwann lautlos in der Versenkung.

Es ist genau dieses „Versenken“, dieses Verdrängen, dieser Wunsch nach bequemem Vergessen, welches unser stärkster Antrieb bei Deiner Rekonstruktion werden sollte.

Es wurde zu viel unter den Arbeitsteppich gekehrt.

In vielen Gesprächen mit Rolf Appel ( der auch im Alter von 97 Jahren noch zu hoher Form auflaufen konnte, wenn er sich über freimaurerische Lethargie erboste) wurde dieser Aspekt auch für meine Arbeit zur allerwichtigsten Wegmarke meiner Mühen.

Als mich Bruder Hans-Peter Meißner 2015 - also vor 8 Jahren - fragte, ob ich mir vorstellen könne, lediglich anhand eines kleinen vergilbten Fotos, Deine ursprüngliche Größe wieder erstehen zu lassen, war ich zunächst unsicher, ob ich mir dieses zutrauen dürfe. Zusagen mochte ich ihm zunächst nicht, denn ich kenne die Fallstricke und Erschwernisse, die sich einem Künstler in den Weg stellen, der bis dahin auf Leinwand und Papier die Dreidimensionalität lediglich simulierte, also mit seinem Handwerk „erlogen“ hatte. Seit über 500 Jahren wenden Radierer und Maler diese Tricks an, um mit den Mitteln der Perspektive und Licht und Schatten eine Vorstellung von Räumlichkeit zu simulieren.

Bei der Arbeit an einer Bronze oder einer anderen Statue ist die Aufgabenstellung jedoch eine komplett andere.   Alle bisherigen Abbildungen nützten uns wenig, lieber Friedrich Ludwig, so gelungen sie auch sein mochten.

Ein Bildhauer oder Formenbauer muss um Dich herumgehen können.

Er will wissen, wie Du von hinten aussiehst, wie sich der Faltenwurf Deines Rockes möglichst natürlich an die Frontalansicht fügt, wie sich Deine Haare auf der Schulter oder im Nacken formen.

Hierfür hatte ich absolut keinerlei Referenzen, hier konnte nur meine eigene Vorstellungskraft zu einem Ergebnis führen.

Tja, und dann das Zentrum aller bevorstehenden Problemwelten: Dein Gesicht. Hieran würde man mich messen. Ich kenne meine Brüder. Jede künstlerische Interpretation musste hinter einem unausweichlichen Anspruch auf Paßbildgenauigkeit zurückstehen.

Man kennt das Beispiel, dass Nachrichtensprecher, deren Antlitz man jahrelang ausschließlich als Frontalansicht kennt, von der Seite nicht erkannt werden. Weder von Links, noch von rechts. Es gibt Rätselhefte und Quizsendungen zu dieser Problematik.   Du aber, mein lieber Freund und Bruder, solltest nun aus jedem Blickwinkel erkannt werden – und absolut niemand würde auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, wie nahezu unlösbar gerade dieses Problem für uns war.

Nun begann meine eigentliche ganz persönliche Odyssee, kurz bevor ich soweit war, aufzugeben.

Ich fertigte eine Unmenge anleitender Skizzen für professionelle 3D-Künstler an, die ich bat, mir mit elektronischen Modellierungssystemen wie beispielsweise ZBrush zur Seite zu stehen. Diese haben immerhin den Vorteil, dass man sie auf einem sogenannten virtuellen „Turntable“ beliebig drehen kann, also auch aus allen Blickwinkeln für die spätere Modellierarbeit mit Ton auf einem Monitor nutzen könnte.

In der damals noch friedlichen Ukraine fand ich den russischen Museumsrestaurator Roman Zonder, der zu den weltbesten 3D-Künstlern gehört. Nach einem Jahr der Stagnation ging es also 2016 endlich voran und wir erhielten die ersten Kleinplastiken aus Wachs. Leider wurde die erste davon an der polnischen Grenze vom Zoll völlig zerlegt.

Mein Roland-Bruder Paul Jost betätigte sich als Dolmetscher und wickelte auch die Bezahlung der sich nun anhäufenden Rechnungen per SWIFT für mich ab.

Ein zweites Kleinmodel aus Wachs ließen wir uns dann über Österreich kommen. Aber auch diese kam zerbrochen an. Wohl eher durch eine wenig behutsame Beförderung und nicht durch den Zoll. Der linke Arm und die hammerführende Hand auf dem Sockel war abgebrochen.

Dieses konnte dann in der Bronzegießerei Wittkamp nach dem Guss wieder nahtlos zusammen geschweisst werden.

Nun hatte ich also alles beisammen, was zu dem heutigen Ergebnis hätte führen können.

Ich wandte mich an die Firma Ex:ponat in Neumünster, um zu erfragen, mit welchen Kosten ich für einen Scan der nun fertigen Miniatur und den 3D-Druck in Lebensgröße würde rechnen müssen.

Doch nun gab es eine kleine Palastrevolution in unserem kleinen Künstlerhaushalt. Meine Frau zeigte mir den Schuhkarton mit den bereits gesammelten Rechnungen, die sich zu diesem Zeitpunkt auf rund 2000.- Euro beliefen. Dazu muss man wissen, dass meine Frau für alles Weltliche zuständig ist – und ich für den Rest.

Es muss Ende 2016 gewesen sein, als sie mir untersagte, auch nur einen kleinen Schritt in die Richtung Deiner Realisierung zu gehen, lieber Friedrich Ludwig. Ganz einfach, weil wir uns das nicht leisten konnten.   So wären also rund zwei Jahre künstlerischer Bemühungen faktisch am Ende gewesen. Eine Miniaturbronze war das bislang einzige Ergebnis unendlicher Mühen und vieler nächtlicher Arbeitsstunden – und ja, auch nicht unerheblicher Auslagen.

Ich teilte diesen Entschluss allen Beteiligten mit, bedankte mich bei Ihnen und verabschiedete mich aus diesem Projekt.   Du wärest also winzig geblieben, lieber Friedrich Ludwig, aber ich war stolz darauf, dass es uns gelungen war, Dich zumindest erkennbar darzustellen.

Nach einer kurzen Besinnungspause überstürzten sich dann plötzlich die Ereignisse.

Bruder Christoph Hiendl im fernen Bayern spielte mit dem Gedanken, ein großes Shriners-Gemälde von mir zu erwerben. Am gleichen Tage teilte mir die Firma Ex:ponat mit, man hätte in Tschechien eine insolvente Bronzegießerei übernommen und deren Werkstattleiter Lucas Bravenec hätte in St. Petersburg Bildhauerei studiert. Dieser könne Dich nun durchaus auf herkömmliche Weise endlich in Lebensgröße anfertigen. Er war mit einem Freundschaftspreis in der von mir vorgeschlagen Höhe des Bildwertes einverstanden.

Nach einem kurzen abermaligen Streit mit meiner Frau, die am Ende schweren Herzens doch noch einwilligte, konnte ich nun endlich den Auftrag nach Tschechien erteilen. Die Auslagen-Zettel in ihrem Schuhkarton beliefen sich inzwischen auf rund 8500.- €uro netto.

Wenn ich Dich nun hier in Deiner maurerischen Pracht stehen sehe, lieber Friedrich Ludwig, dann ist diese Summe eigentlich ein Witz. Ich persönlich sehe in Dir nämlich einen gänzlich anderen Wert. Nicht eine Sekunde hattest Du für mich eine pekuniäre Bedeutung.

Ich ergehe mich genüsslich in genau der Genugtuung, die bei meinem Berufsstand für so vieles herhalten muss: Das Gefühl, etwas sehr, sehr Schwieriges zuende gebracht zu haben.

Du gehörtest ganz sicher zu den schwierigsten Aufgabenstellungen in meinem Künstlerleben, das sich nun auch langsam dem Ende zuneigt.

Und ich verbinde die Hoffnung mit Deinem erneuten Erscheinen an diesem Ort, dass Du es sein könntest, der viele Brüder erneut für unsere Geschichte interessiert.   Eine Perlenkette, die leider auch dunkle Perlen enthält.

Ehrwürdiger Meister, ich habe mich bemüht.


Bruder Jens Rusch am 02.02.2023 _______________________________________   p.s.:

Ihr habt meine Berge abgetragen und meine Täler zugeschüttet. Über mich führt ein bequemer Pfad.

Rabindranath Krishnamurti

Jens Rusch modelliert das Miniatur-Modell für die Rekonstruktion der lebensgroßen Schröder-Statue.

Die Rekonstruktion der Schröder-Statue

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