Traktat: Immortal Memory Rede auf Robert Burns, 2023

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Der junge Robert Burns. Grafik von Michael Thomas Holstein.

Robert Matthees beim Burns Supper Charity Event in der Loge Lessing i.O. Frankfurt am Main, 2023, mit Schottischer Tam O 'Shanter Mütze im freimaurerischen Tartan-Kiltmuster "Freemasons' Universal"

Traktat: Immortal Memory Rede auf Robert Burns, 2023

Die Hauptrede beim Burns Supper ist dem "Immortal Memory of Robert Burns" gewidmet. Die folgende Immortal Memory wurde beim Burns Supper Charity Event der Freimaurerloge Lessing (Frankfurt am Main) von Robert Matthees am 4. Februar 2023 gehalten.

Meine lieben Schwestern und Brüder, liebe Partnerinnen und Partner, verehrte Gäste,

wir alle kennen ihn: [begeistert] Robert Burns, Nationaldichter, wenn nicht gar Nationalheiliger der Schotten! [Zeigefinger hoch] Und das nicht nur, weil er ein Gedicht über den Haggis geschrieben hat.

Geboren am 25. Januar 1759 in Alloway, Schottland, als Sohn von Bauern, wird Robert Burns selbst zum Farmer und zum Vater vieler Kinder, die er sehr liebt. Bestätigt sind 12, mindestens, von vier verschiedenen Müttern. Nicht immer ist er jedoch – wie ich finde – bei allen Frauen ausreichend um das weitere Auskommen besorgt, was teils vielleicht an seiner finanziellen Situation, manchmal aber auch an seinem Ruf gelegen hat. [lächeln, herumdrucksen] Sein Ruf – schwierig [vage Handbewegung, Pause]: Stellen Sie sich vor, Sie sind Eltern im Schottland des 18. Jahrhunderts, gute Kirchgänger, in die Gemeinde eingebunden. Plötzlich erwartet Ihre Tochter ein Kind. Sie ist hochschwanger, unehelich. Damals ja ein großes Ding! Der Kerl möchte Ihre Tochter heiraten. Doch trotz alledem, trotz alledem verbieten Sie den beiden die Ehe! – Jo, ich denke, das sagt einiges aus über den Ruf des jungen Robert Burns. [lächeln]

Am 4. Juli 1781 wird er im Alter von 22 Jahren als Freimaurer auf- und angenommen, “als freier Mensch von gutem Ruf” [grinsen, vage Handbewegung] – wie es heute heißt – bzw. in eine – ich zitiere aus dem Hausgesetz der Loge – “Gesellschaft [...], die sich zusammengefunden hat, um Nächstenliebe, Freundschaft und Anstand zu üben”, “charity, friendship, civility", und zwar in der St. David's Lodge Nr. 174. [lächeln]
Jetzt lachen hier einige! Redlicherweise muss ich gestehen, dass beide Ereignisse eigentlich fünf Jahre auseinander liegen und in umgekehrter Reihenfolge stattgefunden haben. Ich habe sie nur aus Gründen des Storytellings so dargestellt. Als Jean Armours Vater, eine lokale Steinmetzgröße, die Hochzeit untersagt, ist Robert Burns nämlich schon längst Freimaurer, sogar zugeordneter Meister seiner Loge, der fast jede Arbeit leitet. – [stockend] Halt, das macht’s jetzt nicht unbedingt besser? Na gut. [lächeln]
Die St. David's Lodge ist jedenfalls eine Loge in den schottischen Lowlands, nicht allzu weit von den ersten Ausläufern der Highlands entfernt, 60-70 km vielleicht, würde ich schätzen. Sie liegt in der etwa 450 Einwohner zählenden Gemeinde Tarbolton. In der St. David's Lodge zelebrieren Burns & Co. nicht unbedingt die Form der Freimaurerei, wie wir sie heute kennen, nicht – wie Bruder Halliday verdeutlicht – „[the] Freemasonry as we know it today with all its modern trappings and symbolic teaching, but the earlier jolly Brotherhood with its gatherings at the local inn“.1 Aufgrund ebendieser „gatherings“, dieser Zusammenkünfte im örtlichen Wirtshaus, enthält das Regelwerk der Loge auch Strafgebühren, die zu entrichten seien, wenn jemand ein Trinkglas zerbricht, „sixpence sterling“, und auch Hinweise zum Vorgehen, wie mit einem Bruder zu verfahren sei, der aufgrund starken Alkoholgenusses nicht mehr in der Lage ist, sich „decently, peaceably and kind towards those around him“ zu verhalten.
„[The] jolly Brotherhood [...] at the local inn“, meine lieben Geschwister und verehrte Anwesende!
Oder – wie Robert Burns schreibt –:
„May every true Brother of the Compass and Square [Flasche Scotch anheben]
Have a big-bellied bottle when harass'd with care!“
Das Gleiche gilt heute natürlich auch für die Schwestern. [Flasche vor einer Schwester abstellen]
In den Logen herrscht geübte Praxis und Lebensphilosophie, nicht bloße Theorie über Menschenrechte und Vernunft. Es bildet sich eine neue Öffentlichkeit. Und auch unser redegewandter und dichtender Bauernsohn erhält in der Loge Zugang zu privilegierteren Schichten der schottischen Bevölkerung – ebenso zu späteren Förderern. Genau genommen ändert dies allerdings nichts an seiner in der Regel prekären Lebenssituation. Denn trotz des späteren Ruhms bleibt Robert Burns zeitlebens vornehmlich Farmer, der mit ertraglosen Böden und hoher Pacht zu kämpfen hat.

Als Schriftsteller in der Zeit der Aufklärung entwickelt er indes einen Stil mit ganz viel Liebe für Freiheit, Frauen und eine eigenständige schottische Identität.
[strahlend, träumend]
Wir alle kennen sein Lied Auld Lang Syne. [begeistert]
Vielerorts erklingt sein Hexen- und Trinkerepos Tam O'Shanter. [mit Mütze grüßen]
[ehrlich, ertappend]
Und wir alle kennen die Kultfigur, zu der er geworden ist, und um die wir uns heute doch irgendwie versammeln.
Weniger bekannt sind hierzulande vielleicht seine politischen Werke, obwohl sie so viele stark beeinflussten. Ich denke da zum Beispiel an den deutschen Vormärz – und an die Monate danach: [tief, rauchig]
„Denn ob der Reichstag sich blamiert [...]
Und ob [Augen schließen] der Teufel reagiert [...]
Trotz alledem und alledem,
Trotz Dummheit, List und alledem,
Wir wissen doch: [Augen öffnen] die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!“,
[sehr gefasst] schreibt unser Freimaurerbruder Ferdinand Freiligrath 1848 – wenige Tage nachdem hier in Frankfurt die Nationalversammlung in der Paulskirche stattfand –, zutiefst und wortwörtlich inspiriert von [kurze Pause] A Man's A Man For A' That von Robert Burns.2 [Pause]
Den Originaltext verfasst Burns 1795, im Jahr vor seinem frühen Tod:
„A prince can mak a belted knight,
A marquis, duke, an' a' that;
But an honest man's aboon his might, [...]
For a' that, an' a' that.“
Der wahre Wert eines Menschen werde nicht bestimmt durch Besitz und Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft, sondern durch Würde und den Sinn für echte Werte. Jeder Vers ist durchdrungen von den Idealen der französischen Revolution, voll Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ganz nah am Jakobinertum. Spannend finde ich, dass Burns gleichzeitig Loblieder voll Schwärmerei auf das alte Schottland liefert, auf das Schottland unter den Stuarts, und seinen Bonnie Prince Charlie im Exil.
Was für ein wunderbarer Widerspruch im Politischen: die Liebe und Hinwendung zur Freiheit Hand in Hand mit dem Highland-Stolz auf das alte Königreich vereint. Vielleicht ist das sogar, was wir heute manchmal als typisch schottish verklären. Für mich macht es auf jeden Fall den größten Reiz seiner Texte aus.

[auf Armbanduhr gucken, lächeln] Ich muss langsam zu machen. Die Gläser warten. [Pause]

Burns traf und trifft den Geist der Zeit. Und inspirierte Geister, auch hierzulande.
Und wie? – Das erklärt Goethe.
Am 3. Januar 1827 spricht dieser mit seinem Vertrauen Johann Peter Eckermann. Voller Bewunderung berichtet Goethe von Robert Burns: Wie dieser die Sprache des Volkes aufgreife und sie entwickle, fernab vom Elfenbeinturm – wie wir heute sagen –, die Sprache der echten Menschen, darin sei er den Deutschen weit überlegen. Dies erkennt Goethe, vielleicht auch etwas selbstkritisch, an. Und darum sei seine Stimme bis heute nicht verstummt, die er erklingen lässt, überall dort, wo er es selbst für richtig und wichtig erachtet.

Nehmen auch wir uns daran ein Beispiel. Verschaffen wir uns, verschaffen Sie sich Gehör und bringen Sie Ihre Gedanken und Sichtweisen ein in die Erzählung der Welt. Sei es in der Loge, sei es im Unternehmen, sei es beim Äußern von Ideen vor Familie und Freunden, oder im Politischen: Lassen wir unsere Stimmen erklingen, auf dass sie Widerhall finden mögen. An nichts Geringeres soll mich übrigens dieser kleine Pin von Robert Burns erinnern [draufzeigen], den ich sehr gerne am Revers trage.3 – Symbole sind wichtig.

Genießen wir darum auch den Rest des heutigen Abends noch ganz im Geist von Robert Burns, voll Menschlichkeit, voll Poesie und Kraft, und mit ganz viel Spaß, denn Spaß ist eine ernste Sache! – Es geschehe also [Glas anheben]:
Mögen wir die Erinnerung an unseren Bruder Robert Burns aus auld lang syne, aus längst vergangener Zeit, unsterblich in unseren Herzen bewahren, auf dass er unsere Herzen zum Sprechen und uns zum Handeln inspiriere. [kurze Pause]
Darauf leere ich mein Glas und bitte Sie, ein Gleiches zu tun!

Fußnoten

  1. Immortal Memory von R. T. Halliday, 1937.
  2. Veröffentlicht in der von Karl Marx mit herausgegebenen "Neue Rheinische Zeitung", 6. Juni 1848.
  3. Den Ansteckpin von Robert Burns gab Robert Matthees nach seiner Rede mit in die Charity-Versteigerung. Er erbrachte 250.- Euro.