Die Großloge von Österreich einst und jetzt

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Eine Führung über 12 Stationen in drei Jahrhunderten

Von Rudi Rabe

2017 feierte die Freimaurerei in vielen Ländern ihren 300. Geburtstag. Damit wurde an die Gründung der ersten Großloge der Welt 1717 in London erinnert. Von da an hatte sich die Freimaurerei in wenigen Jahren über große Teile der europäisch beeinflussten Welt verbreitet, und schon bald war sie auch in Österreich angekommen, dem damaligen Kernland eines großen europäischen Imperiums, das von den Habsburgern regiert wurde. Anders als in den meisten anderen europäischen Staaten und in Amerika verlief die weitere Geschichte der Freimaurerei in Österreich jedoch sehr diskontinuierlich. Sie erlebte immer wieder Höhen und von der Politik verursachte Tiefen und Pausen, wie es sie in kaum einem vergleichbaren Staat gegeben hat.

Der folgende Text schildert diese Entwicklung nach dem Muster einer Museumsführung: Über zwölf markante Stationen geht es vom frühen 18. bis ins frühe 21. Jahrhundert.

Kaiser Franz I. 1745 (von Martin van Meytens)

➤ 1.) Ein Prolog - 1731 gewinnt London den zukünftigen Kaiser:

Franz Stephan von Lothringen wird in den Niederlanden aufgenommen

1731 schickte der Habsburger Kaiser Karl VI. den 23 Jahre jungen Prinzen Franz Stephan, der an Karls Wiener Hof erzogen wurde, auf eine Diplomatenreise in die Niederlande: ungefähr heutiges Benelux; damals habsburgisch. Es war bereits ausgemacht, dass Franz Stephan in ein paar Jahren die damals noch 14jährige MariaTheresia, die Tochter des Kaisers und Erbin der Habsburgerlande, heiraten und dann als Franz I. wohl auch römisch-deutscher Kaiser werden würde. Also war es naheliegend, dass die junge englische Großloge an ihm interessiert war. Und so fuhr der hochrangige englische Freimaurer John Desaguliers, nachdem er von Franz’ Besuch auf der anderen Seite des Kanals erfahren hatte, eigens von London auf den Kontinent nach Haag, um Franz Stephan anzuwerben. Es klappte alles, und Franz Stephan wurde noch in den Niederlanden als Lehrling aufgenommen und zum Gesellen befördert. Meister waren damals nur die Chefs, dennoch wurde ihm dieser Grad wenige Tage danach in London auch noch verliehen.

Ob Franz Stephan später als Freimaurer jemals aktiv war, weiß niemand genau: wahrscheinlich nicht. Im Gegensatz zu seinem fürstlichen Zeitgenossen Friedrich dem Großen von Preußen, der ein sehr bewusster Freimaurer war, dürfte Franz Stephan seine Aufnahme eher als ein gesellschaftliches Ereignis verstanden haben, eines, mit dem sich die englischen Logen schmücken konnten.

➤ 2.) 1742/43 - Das kurze Leben der ersten Wiener Loge:

Maria Theresia sperrt Aux Trois Canons bald wieder zu

Gründungsurkunde der "Aux Trois Canon".

Ausgehend von der ersten Loge auf deutschsprachigem Gebiet in Hamburg gelangte die Freimaurerei gefördert vom Preußenkönig und Freimaurer Friedrich der Große über Berlin und der schlesischen Hauptstadt Breslau schließlich auch nach Wien. Dort wurde 1742 die erste Loge auf österreichischem Boden gegründet. Ihr Name: „Aux Trois Canons“ - etwa: „Zu den drei Prinzipien“. Möglicherweise erwartete Friedrich, dass Franz Stephan von Lothringen so wie er in Preußen auch in Österreich die Patronanz über die sich schnell entwickelnde Freimaurerei übernehmen würde. Doch Franz Stephans Ehefrau Maria Theresia, die ihren Vater Karl VI zwei Jahre vorher beerbt hatte und jetzt also die Chefin über die Habsburgerlande war, reagierte genau gegenteilig: Sie ließ die von Beginn an sehr aktive Loge, in der sich Adelige, Offiziere, hohe Staatsbeamte aber auch Geistliche zusammen gefunden hatten, Anfang 1743 „ausheben“ und verbieten. Zwar trafen sich viele Logenmitglieder im Geheimen weiter, aber an ein ernsthaftes Logenleben war in Österreich bis in die 1770er Jahre nicht mehr zu denken.

Als Folge davon blieb Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern eine weitere Generation lang ohne Freimaurerei. Jedenfalls offiziell: Dann und wann sollen nämlich in den Jahren nach 1742 schon kurzlebige Logen gegründet worden sein. Immerhin waren ja mehrere Berater Maria Theresias Freimaurer. Von den 24 wichtigen Männern, die das Maria-Theresien-Denkmal im Wiener Museumsquartier bis heute flankieren, waren sieben Freimaurer. Und gegen Ende ihres Lebens - sie starb 1780 - gab es dann auch offiziell wieder österreichische Logen. 
 Warum war Maria Theresia gegen die Logen? Vielleicht war der wichtigste Grund nicht wie oft kolportiert ihr Katholizismus (1738 erste päpstliche Bulle gegen die Freimaurer), sondern der Umstand, dass der deklarierte Freimaurer Friedrich ihr unmittelbar vor der Gründung der Wiener Loge das Herzogtum Schlesien mit der Hauptstadt Breslau weggenommen hatte. Möglicherweise dachte sie, er wolle mit der Loge in Österreich Einfluss auf die Wiener Gesellschaft nehmen.

➤ 3.) Die 1780er Jahre - sie waren die erste Hoch-Zeit der österreichischen Freimaurer:
Mozart, eine Großloge und der aufgeklärte Joseph II.

Joseph Lange: unvollendetes Ölgemälde von Wolfgang Amadé Mozart, 1789.

Dieses Jahrzehnt war ein paar Jahre lang so etwas wie das erste Goldene Zeitalter der jungen österreichischen Freimaurerei. Eine Loge nach der anderen wurde gegründet, führende Persönlichkeiten aus den tonangebenden Ständen traten bei: Adelige, hohe Geistliche, Beamte und Diplomaten. Der bis heute bekannteste Bruder war kein geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart.

Nach längeren Vorbereitungen wurde 1784 schließlich die Große Landesloge von Österreich gegründet, quasi die Großmutter der heutigen Großloge von Österreich. Dem war mir Hilfe der bereits sehr entwickelten preußischen Logen ein jahrelanger Aufbau vorausgegangen. Schon 1776 war ein Abgesandter der Großen Landesloge von Deutschland nach Wien gekommen, um die österreichischen Freimaurer enger an Berlin zu binden. In dieser Zeit war Maria Theresias Sohn Joseph II bereits Mitregent seiner Mutter in den Habsburgerlanden und darüber hinaus Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Er war sehr aufgeklärt und durchaus freimaurerfreundlich. Und so wurde es möglich, unter dem Schutz der preußischen Freimaurer in Wien zuerst eine Provinzialgroßloge zu gründen, die von Graf Johann Fürst von Dietrichstein, einem engen Vertrauten des Kaisers, geleitet wurde. Und als Joseph II ein paar Jahre danach von allen Orden verlangte, sich von ausländischen Obrigkeiten unabhängig zu machen, wurde die Provinzialgroßloge 1784 zur unabhängigen Großen Landesloge von Österreich, die ihrerseits sieben Provinzialgroßlogen mit mehr als sechzig Logen vorstand und so für alle habsburgischen Erblande zuständig war - ausgenommen die Niederlande.

Joseph II selbst wollte trotz verschiedener Einladungen kein Freimaurer werden. Doch er blieb den Logen freundlich gesinnt. Allerdings wollte er mehr Ordnung in einen freimaurerähnlichen Wildwuchs bekommen, der sich in den Jahren zuvor entwickelte hatte: Illuminaten, Gold- und Rosenkreuzer, Asiatische Brüder und so weiter; Joseph nannte sie „Gaukeleyen“. Das alles gefiel auch den führenden österreichischen Freimaurern nicht, und so schlugen sie dem Kaiser vor, die Logen unter seinen Schutz zu stellen und gleichzeitig ihre Anzahl zu begrenzen, was er dann mit dem sogenannte „Freimaurerpatent“ auch tat. Dadurch wurde die Zahl der Logen und der zugelassenen Brüder in den Habsburgerlanden deutlich eingeschränkt. Es wurden Sammellogen gebildet, in welche die alten Logen eingebracht wurden.

Aus mannigfaltigen Gründen kündigte sich jedoch bald das Ende dieser ersten Hoch-Zeit an. Prägende Freimaurer wie Ignaz von Born oder Joseph von Sonnenfels verließen ihre Logen, nur Mozart blieb ihnen als einer der wenigen Prominenten bis zu seinem Tod 1791 treu.

Kaiser Franz starb 1835; sein Sarkophag steht in der Wiener Kapuzinergruft. Das von ihm erlassene Dekret führte dazu, dass auch die junge österreichische Freimaurerei für ein Jahrhundert lang begraben wurde. - Foto: Krischnig

➤ 4.) 1795 - Nun folgte ein Jahrhundert freimaurerischer Dunkelheit: Franz II, die Französische Revolution und die Reaktion darauf

Nach dem Beginn der Französischen Revolution 1789 änderten sich auch in Österreich die Verhältnisse. Dieser Einschnitt in die Herrschaftsvorstellungen des 18. Jahrhunderts versetzte die Regierenden außerhalb Frankreichs in große Sorge, ja in Angst und Schrecken. Obwohl die französischen Logen selbst darunter litten und zusperren mussten, wollten viele glauben, die Revolution sei eine Art Freimaurerverschwörung. Vielleicht meinte das auch Josephs Neffe Franz, der den Thron 1792 übernommen hatte.

Tatsächlich gab es ja auch in Wien Ansätze für ein Jakobinertum, und einige sogenannte Wiener Jakobiner wie Franz Hebenstreit oder Aloys Blumauer waren Freimaurer. Spätestens als seine Tante Maria Antoinette in Paris im Oktober 1793 enthauptet wurde, bekam es Franz wohl auch mit Angst und mit Wut zu tun.

Auf die Logen wurde nun großer Druck ausgeübt, was dazu führte, dass die Stuhlmeister der beiden letzten Wiener Sammellogen dem Kaiser Ende 1793 eine Denkschrift übergaben, in dem sie die Selbstauflösung ihrer Logen mitteilten. Ähnlich verlief es bald danach auch in den anderen habsburgischen Erblanden. Und Anfang 1795 erließ Franz unter dem Eindruck all dieser Ereignisse ein „Hochverratsdekret“, mit dem auch die Freimaurerei verboten wurde.

Was die Freimaurer betriff, wirkte dieses Dekret in Abstufungen bis zum Ende der Habsburgerherrschaft 1918. Nur einmal noch gab es während der 1848er-Revolution den Versuch, eine Loge zu gründen. Doch sie wurde nur einen Tag alt. Erst ab der Neukonstruktion des Staates in einen österreichischen und einen ungarischen Teil wurde es 1867 möglich, in der ungarischen Reichshälfte wieder Logen aufzubauen. In der österreichischen Hälfte dauerte es noch bis zur Republikgründung 1918.

➤ 5.) Ab 1871 - Kreative Männer finden einen Ausweg:
Wiener Grenzlogen im nahen Ungarn

Pressburg/Bratislava: das Logenhaus auf einem kolorierten Foto von 1914. In diesem arbeiteten bis 1918 die meisten Wiener Grenzlogen.

Der endgültigen Wiedererstehung der Freimaurerei in der jungen Republik Österreich ab 1918 ging über fast fünf Jahrzehnte ein seltsames und zugleich fruchtbares Intermezzo voraus: die Gründung sogenannter Grenzlogen von Wien aus auf der anderen Seite der nahen Binnengrenze in Ungarn, also letztlich unter ein und demselben obersten Herrscher, nämlich Kaiser Franz Joseph I, wie er auf der österreichischen Seite tituliert wurde.

Die rechtliche Voraussetzung dafür waren zwei verschiedene Vereinsgesetze: ein eher reaktionär-abwehrendes in Österreich und ein liberales in Ungarn. Die ungarische Binnengrenze lag damals kaum fünfzig Kilometer von Wien entfernt, und so nutzten findige Österreicher, die Freimaurer werden wollten, diesen vereinsrechtlichen Unterschied auf sehr elegante Weise. Sie gründeten in Wien sogenannte „unpolitische Vereine“ - das gestatteten die Vereinsbehörden - und parallel dazu Freimaurerlogen im nahen Ungarn, dessen Vereinsgesetz dies zuließ. Zum jeweiligen Verein in Wien gehörten dieselben Männer wie zur Loge in Ungarn.

Die Behörden hüben und drüben wussten davon, und auch die Zeitungen berichteten gelegentlich darüber; es war also ein offenes Geheimnis. Die erste Grenzloge war die Humanitas. Bis zum Ende der Habsburgerherrschaft wurden es dann vierzehn, die meisten in Pressburg, heute Bratislava, Hauptstadt der Slowakei, damals noch ein Teil Ungarns. Alle diese Logen arbeiteten unter dem Schutz der ab 1870 entstandenen Großloge von Ungarn.

Ganz wichtig war den Grenzlogen in einer Zeit, als die Armut sehr groß und der Sozialstaat noch nicht erfunden war, das karitative Tun: vor allem der Aufbau von Kinder- und Lehrlingsheimen. Die soziologische Mitgliederstruktur war völlig anders als im 18. Jahrhundert: keine Geistlichen mehr und kaum mehr Adelige, stattdessen bürgerliche Kaufleute, Fabrikanten, Journalisten, Künstler und Wissenschaftler.

Diese kreative Notlösung dauerte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als das Habsburgerreich zusammenkrachte.

➤ 6.) Ende 1918 - Habsburgs Ende macht’s möglich:
In der Republik konnten nach mehr als hundert Jahren wieder Logen gegründet werden

12. November 1918: Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wird vor dem Parlament in Wien die Republik ausgerufen. Das macht auch für die österreichische Freimaurerei den Weg wieder frei.

Die neue Republik Österreich machte in der Fläche gerade einmal ein Achtel des alten Reichs aus. Nicht nur der Kaiser dankte ab, auch die bisher führende Elite wurde zurückgedrängt; Adelstitel und damit zusammenhängende Sonderrechte wurden abgeschafft. Und so war nun ganz plötzlich vieles möglich, was bisher blockiert war: vom Frauenwahlrecht bis zu einem liberalen Vereinsgesetz, um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen.

Schon ganz wenige Tage nach Kriegsende Anfang November 1918 und Gründung der Republik übersiedelten die vierzehn Grenzlogen nach Wien und beschlossen, eine eigene Großloge zu gründen. Nachdem die ungarische Großloge Grünes Licht gegeben hatte, war es am 8. Dezember endlich soweit: Unter dem Vorsitz von Adolf Kapralik wurde die neue Großloge feierlich konstituiert, anfangs noch als „Großloge von Wien“. Sie zählte vom ersten Tag an 14 Logen mit 1044 Mitgliedern. Natürlich war dieser schnelle Aufbau aus dem Stand nur möglich, weil die Grenzlogen bereitstanden.

Zum ersten Großmeister der neuen Großloge haben die Brüder dann im Mai 1919 der angesehene Wiener Rechtsanwalt Richard Schlesinger gewählt. Er wurde mehrmals verlängert und blieb bis 1938 in diesem Amt.

➤ 7.) 1919 bis 1938: Die zweite Hoch-Zeit der österreichischen Logen - mit Schönheitsfehlern im letzten Drittel

Richard Schlesinger, Großmeister von 1919 bis 1938; er führte die Großloge durch die ganze Zwischenkriegszeit. 1938 starb er als Gefangener der Nazis.

Die nun folgenden Jahre können ohne Übertreibung als das zweite Goldene Zeitalter der österreichischen Freimaurerei bezeichnet werden: jedenfalls bis in die frühen dreißiger Jahre als Engelbert Dolfuss das demokratische Österreich durch einen Staatsstreich in eine Diktatur verwandelte.

In den Jahren davor waren die Großloge und ihre Logen unter der Führung Schlesingers von Jahr zu Jahr gewachsen. Ganz im Gegensatz zu den meisten deutschen Logenverbänden, in denen der Nationalismus und auch der Antisemitismus ständig zunahmen, war die österreichische Großloge betont pazifistisch und international. Dies führte dazu, dass das Verhältnis zu den deutschen Großlogen immer schlechter wurde. Eine deutsche Großloge nach der anderen brach die Beziehungen zur österreichischen Großloge ab. Umgekehrt erfreute sich diese bald der Anerkennung vieler anderer ausländischer Großlogen mit dem Höhepunkt 1930, als die sonst gegenüber den Großlogen in den ehemaligen Feindstaaten des Weltkriegs zurückhaltende United Grand Lodge of England die Regularität der Großloge von Österreich bestätigte und diese anerkannte.

In Freimaurerkreisen weit über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt wurde in den 1920er und den frühen 1930er Jahren der Journalist Eugen Lennhoff von der Wiener Loge „Zukunft“. Er ist bis heute unvergessen, weil er 1932 gemeinsam mit Oskar Posner, einem Freimaurer aus Böhmen, das Internationale Freimaurer-Lexikon veröffentlichte, ein Nachschlagwerk, das nach einem Update im Jahr 2000 weiterhin ein gutes Lexikon ist.

1933 putschte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Nach der Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof regierte er diktatorisch per Notverordnung. Dem italienischen Faschismus und der katholischen Kirche nahestehend, lehnte er jedoch den Nationalsozialismus deutscher Prägung ab. Interessanterweise hat der katholisch-konservative Dollfuß die Freimaurerlogen dann zwar geschwächt, vor allem indem Beamte der Austritt eindringlich nahegelegt wurde, wodurch eine Reihe von Logen geschlossen werden musste und die Mitgliederzahl von nicht ganz 2000 auf weniger als 1200 sank - im Gegensatz zu den allermeisten anderen Diktaturen auf der Welt hat er sie jedoch nicht verboten. Warum das so war, darüber kann nur spekuliert werden.

Im Haus der ‚Großloge von Österreich’ in Wien erinnert ein Relief an den Nazi-Terror. Motiv: Die Nazis wollten die Freimaurerei zerstören. Doch es blieben ein paar Mauersteine übrig: Auf diesen konnten die Brüder nach dem Terror wieder aufbauen.

Eine These lautet: Dollfuß und sein Nachfolger Kurt Schuschnigg sahen das kleine und machtlose Österreich eingeklemmt zwischen Nazi-Deutschland im Norden und Mussolinis Italien im Süden. Also hofften sie, dass ihnen England im Ernstfall zu Hilfe eilen würde. Und dort in England - so ihr Verschwörungsglaube - hätten die Freimaurer so viel Einfluss, dass sie das auch durchsetzen würden.

➤ 8.) 1938 bis 1945 - Der Nazi-Terror vernichtet wieder alles:
Durchsuchungen, Verhaftungen, Emigration und KZ-Morde

Als Anfang 1938 klar wurde, dass Hitler vor den Toren Österreichs stand, setzte Bundeskanzler Schuschnigg eine Volksbefragung an; diese wurde auch von der Großloge unterstützt. Doch es half alles nichts, Anfang März übernahmen die Nazis das Land, und Hitler ließ einmarschieren - für die Großloge eine Katastrophe wie noch nie in ihrer Geschichte.

Sofort ließen die Nazis das unmittelbar vorher schon vom Pöbel geplünderte Wiener Logenhaus von der SS besetzen, das Logenvermögen wurde beschlagnahmt, und innerhalb weniger Tage wurden die Logen vereinsrechtlich aufgelöst. Die führenden Logenfunktionäre wurden verhaftet und verhört, insbesondere auch Großmeister Richard Schlesinger. Während die meisten anderen nach ein paar Tagen wieder freigelassen wurden, blieb Schlesinger in Haft. Er starb drei Monate später als Gefangener der Nazis. An die 600 Freimaurer, vor allem die jüdischen, mussten und konnten emigrieren, andere wurden verschleppt oder begingen Suizid, mehr als hundert wurden bis 1945 ermordet.

Rauhensteingasse 1 Herbst 1945: heute ein Teil des Logenhauses. Wo auf dem Foto die Bombenlücke über drei Etagen klafft, sind jetzt Tempel, Speiseräume, das Archiv und die Bibliothek der Großloge. Der Wiederaufbau Wiens dauerte bis in die fünfziger Jahre.

➤ 9.) 1945 - Ein Neustart in Trümmern:
Nur ein paar Dutzend Brüder waren noch da

Anfang Mai 1945 war Hitler besiegt und der Krieg zu Ende. Nur wenige Wochen danach trafen sich in Kärnten und fast zeitgleich in Wien erstmals wieder ein paar Dutzend Brüder - umgeben von den Ruinen des Bombenkriegs und begleitet von Hunger und Not.

Der stellvertretende Großmeister aus der Zeit vor 1938, Karl Doppler, berief in Wien eine Versammlung ein, und mit der „Humanitas Renata“ wurde eine Sammelloge gegründet, die der Grundstein für den masonischen Wiederaufbau werden sollte.

Österreich war in vier Besatzungszonen geteilt. Am Anfang gab es zwischen diesen kaum Verbindungen. Und so wurde in Kärnten unabhängig und ohne dass die Großloge in Wien davon wußte die Loge ‚Paracelsus‘ wieder erweckt. Aus diesen Anfängen entstanden dann in den Folgejahren nach und nach wieder Logen - zuerst mit den alten Namen.

Im ersten Nachkriegsjahr meldeten sich immer mehr Brüder, bis Mitte 1946 in Wien 150. Aber wie die Rechtschaffenen von jenen scheiden, die zu den Nazis übergelaufen waren? Denn es war klar: für Nazis oder Kollaborateure gab es kein Zurück. Da man nicht jeden Bruder individuell durchleuchten konnte, wurden formelle Kriterien festgelegt: vor allem Mitgliedschaften und Anwartschaften. Und so mußten manche ehemalige Brüder draußen bleiben.

Besonders unterstützt wurde der masonische Wiederaufbau vom amerikanischen Hochkommissar in Österreich, General Mark Clark, der selbst Freimaurer war. Eine andere Art der Hilfe leisteten amerikanische, Schweizer und ehemalige österreichische Freimaurer, denen die Flucht ins Ausland geglückt war: Sie sandten CARE-Pakete an die Brüder im ausgehungerten Österreich.

Rauhensteingasse 3: Das ist heute die Adresse der Großloge von Österreich in Wien. Über dem Eingangstor hängt ein 'rauher Stein’, eines der zentralen Symbole der Freimaurer. Es steht für die Unvollkommenheit jedes Menschen verbunden mit dem Auftrag, aus dem eigenen rau(h)en Stein, der man ist, durch Arbeit an sich selbst einen behauenen, einen vollkommeneren Stein werden zu lassen. Das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe jedes Freimaurers: Es geht darum, ein besserer Mensch zu werden.

➤ 10.) Nun beginnt die dritte Hoch-Zeit:
Jedes Jahr entsteht eine neue Loge, die Mitgliederzahlen steigen ständig

Bald setzte ein beispielloser Aufstieg ein. Im Durchschnitt wurde jedes Jahr eine neue Loge gegründet; manche knüpften vor allem in den ersten Jahren an alte Traditonslogen an, andere begannen sozusagen bei Null.

Nach dem plötzlichen Tod Karl Dopplers 1947 wurde 1948 Bernhard Scheichelbauer sein Nachfolger: Er wurde dreimal gewählt und war über zwölf Jahre der bestimmende Großmeister der Nachkriegszeit. 1952 erreichte er die Wiederanerkennung durch die Großloge von England: formal definiert als Wiederaufnahme der 1938 abgebrochenen Beziehungen. Durch diese Betonung der Kontinuität wurde die österreichische Freimaurerei sofort wieder ein vollberechtigtes Mitglied der Weltenkette. Und als dann 1955 die Besatzungsmächte abzogen und Österreich wieder eine souveräne Republik wurde, änderte die ‚Großloge von Wien für Österreich’ ihren Namen auf ‚Großloge von Österreich’. In diesen Jahrzehnten entwickelte sich das freimaurerische Leben in Österreich wie nie zuvor: zuerst eher konzentriert in Wien, später nach und nach auch in allen anderen acht Bundesländern.

In den siebziger Jahren engagierte sich die Großloge in einem langen Dialog des stellvertretenden Großmeisters Kurt Baresch mit dem Wiener Kardinal König für eine Entspannung zwischen der Katholischen Kirche und der Freimaurerei. Auch wenn der große und schnelle Erfolg ausblieb: kleine Schritte konnten gesetzt werden, die über Österreich hinaus Bedeutung hatten. Und im Land selbst wurde eine Art herzliche Nichtbeachtung erreicht.

1975 konnte die Großloge im Schloss Rosenau im nördlichen Niederösterreich ein Freimaurermuseum eröffnen. Wichtig waren auch Mitte der achtziger Jahre unter Großmeister Alexander Giese der Umzug in ein neues Haus in der Wiener Rauhensteingasse, die Wiedergewinnung der von den Nazis geraubten Bibliothek und später auch noch von kleineren Teilen des Archivs, das gegen Kriegsende in Moskau gelandet war.

International besonders beachtete Leistungen erbrachte die ‚Großloge von Österreich’ nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus ab 1989/90 indem sie sich erfolgreich für den Wiederaufbau der Freimaurerei in diesen Ländern engagierte: 1989 formale Wiedererrichtung der Großloge in Ungarn, 1990 in der damaligen Tschechoslowakei. Außerdem Aufbauhilfe in weiteren Ländern bis zur Gründung selbständiger Großlogen: Kroatien 1997; Slowenien 1999; Bosnien-Herzegowina 2005; Westukraine 2005 (hier gemeinsam mit der französischen Nationalgroßloge). Slowakei 2009.

Die Hundertjahrfeier in der Wiener Hofburg mit mehr als tausend Freimaurern aus ganz Österreich: Blick in den mittleren und vorderen Teil des Festsaals gegen Ende der Veranstaltung, als alle Brüder wie bei jedem rituellen Treffen einander die Hände reichten und eine Kette bildeten, womit die Zusammengehörigkeit aller Freimaurer und letztlich aller Menschen symbolisiert werden soll.

➤ 11.) 2018: Hundert Jahre Großloge mit einer repräsentativen Geburtstagsfeier in der kaiserlichen Wiener Hofburg

Der 8. Dezember 2018 war für die Großloge von Österreich ein besonderer Tag: ihr hundertster Geburtstag. Vor hundert Jahren war sie am Ende des Ersten Weltkriegs in der jungen Republik gegründet worden. Auf den Tag genau hundert Jahre danach feierten mehr als tausend Brüder in einer großen Festarbeit unter der Hammerführung von Großmeister Georg Semler dieses Ereignis.

1000 Brüder! Das bedeutete, fast jedes dritte der inzwischen 3500 Mitglieder nahm daran teil; die Brüder waren nicht nur aus Wien, sondern aus allen Bundesländern angereist, um in einem geschichtsträchtigen Ort mitzufeiern: im Festsaal der ehemals kaiserlichen Hofburg.

Im Mittelpunkt des Rituals stand eine multimediale Performance: In Wechselreden deklamierten fünf im ganzen Saal verteilte Brüder nach einem genauen Drehbuch die Geschichte der österreichischen Freimaurerei von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart - begleitet von einem kleinen Orchester mit Musik und historischen Liedern.

Schon im Jahr davor hatte die Großloge im selben Ambiente den 300. Geburtstag der modernen englisch orientierten Weltfreimaurerei begangen.

➤ 12.) 2020/2022 - Eine weltweite Pandemie unterbricht die Entwicklung:
Das Corona-Virus ändert die Regeln auch für die Logen

Während der Pandemie 2020/22 wurden sogenannte FFP2-Masken sehr schnell allgegenwärtig - auch in den Logenhäusern, so weit diese überhaupt noch betreten werden durften.

Die Großloge von Österreich 2020/22: Bis dahin war sie auf 82 Logen mit mehr als 3.600 Mitgliedern angewachsen: zwei Drittel in Wien, die anderen verteilen sich auf alle anderen acht Bundesländer. Je eine Loge arbeitet in Englisch, Französisch und Ungarisch. Mit 167 Großlogen auf der ganzen Welt wurden Anerkennungsbriefe ausgetauscht. Die Großloge und ihre Logen betreiben keine ausdrückliche Mitgliederwerbung, und abgesehen von einer Website und einem eigenen Museum, das in normalen Jahren an die 12.000 Besucher anzieht, auch keine aktive Öffentlichkeitsarbeit (siehe Links unten), jedoch steht für Anfragen von außen der Großmeister zur Verfügung. Die Beziehungen zur Politik sind zurückhaltend aber gut; ebenso zu den anerkannten Religionsgemeinschaften. Charity wird hochgehalten; die Großloge, die Logen und Freimaurer, die sich karitativ betätigen, nutzen das aber nicht für Public Relations.

Nichts bleibt wie es ist, und so erlebten Anfang der 2020er Jahre auch die Großloge und ihre inzwischen in 82 Logen organisierten mehr als 3.600 Mitglieder einen ungewohnten Einschnitt: ein behördlich verordneter Lockdown nach dem anderen verhinderte den Zusammentritt der Logen zu den gewohnten rituellen Arbeiten.

Ursache war der gefährliche Corona-Virus Covid-19, der sich in kürzester Zeit über die ganze Welt verbreitet hatte, und alle Regierungen zu einschneidenden Gegenmaßnahmen zwang, unter anderem Gesichtsmaskenpflicht in Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln, Abstandsregeln und vor allem auch Versammlungsverbote: sogenannte Lockdowns. Das betraf auch die Freimaurerlogen aller Länder sehr empfindlich.

Die Logen der österreichischen Großloge arbeiten üblicherweise jedes Jahr an die 40 Wochen. Ab dem 16. März 2020, dem Beginn des ersten von mehreren Lockdowns, bis Ende 2021 hätten sie in normalen Jahren mehr als 70 Wochen arbeiten könnten. Davon fielen jedoch 55 aus, also drei Viertel aller Arbeiten. Zwar trafen sich manche Logen dank der inzwischen sehr entwickelten IT-Welt dann und wann übers Internet zu informellen Zoom-Vorträgen, doch waren diese in der Regel deutlich weniger frequentiert, und auf rituelle Arbeiten über das Internet wurde auch nach Vorgaben der Großloge ausdrücklich verzichtet.

Dieser Text entstand um die Jahreswende 2021/22. Es ist derzeit nicht abzusehen, wie es weitergeht und was diese Zwangspause für des Logenleben der kommenden Jahre bedeutet: nicht nur in Österreich, überall wo es Freimaurer gibt. Dazu passt der folgende Text, den der bekannte englische Freimaurer und Autor Robert Lomas in seinem Buch in der Reihe „The Masonic Tutor’s Handbook“ mit dem Titel „Freemasonry after Covid-19“ schieb:

„The cement which binds a lodge together is the regular meetings of its members. For the first time ever, in our long history, we have been unable to meet. We have taken part in a dangerous and compulsory experiment, for the first time in our long history we have had to submit Our Craft to life support by placing it in an artificially induced coma and keeping its life breath of meetings flowing by using the artificial ventilator of the video get-together. … Because of the losses by death, resignation, and decline of interest, there is a real danger that the habit of monthly Masonry in our lodges will crumble and fail. We need to do something, but what?“

Siehe auch

Links